Rezepte gegen die Angst: Transformation durch Verzicht. Eine Besprechung von Stefan Brunnhubers Buch „Die Kunst der Transformation“

Dass wir in Krisenzeiten leben, braucht nicht extra gesagt werden, auch nicht, dass wir für die Überwindung der Krisen eigentlich keine guten Rezepte haben. Aber was wir wirklich benötigen ist eine zusammenschauende Analyse der verschiedenen Krisen, der partikularen Lösungsansätze und daraus entwickelt einige Ideen, die wirklich funktionieren könnten. Wenn wir uns das nachhaltige Überleben der Menschheit als Ziel überhaupt vorstellen können.

Das ist es, was Stefan Brunnhuber in seinem Buch „Die Kunst der Transformation“ tut. Er zeigt auf, dass die scheinbaren Teilkrisen – die Big 7, wie man sie nennt – alle zusammengehören und aus einem „Bewusstseinsschwerpunkt“ erwachsen, der zu wenig das Ganze, also den Bezug zu anderen Bereichen unseres Lebens, unserer Welt in den Blick nimmt. Daher ist das Veränderungsrezept klar: Wir benötigen eine Transformation dieses Bewusstseinsschwerpunktes, individuell und kollektiv, hin zu einer integralen Sicht und daraus resultierend eine Veränderung der privaten und gesellschaftlichen Praxis.

Eine andere Alternative scheint nicht in Sicht zu sein. Denn – und hier ist Brunnhubers Analyse messerscharf – all die anderen vorgeschlagenen Rezepte funktionieren nur in Teildomänen und haben auf lange Sicht und aufs Ganze gesehen verheerende Auswirkungen.

Die Big 7, die sieben großen Themen der Zukunft, sind
• die Überwindung absoluter Armut = Entwicklungsgerechtigkeit
• der Ausgleich sozialer Polaritäten = soziale Gerechtigkeit
• der Erhalt der Biodiversität = ökologische Gerechtigkeit
• die Vermeidung einer Klimakatastrophe = Generationengerechtigkeit
• die Erhöhung des globalen und lokalen Bildungsstandes = Bildungsgerechtigkeit
• die Verbesserung des Gesundheitszustandes der Weltbevölkerung = gesundheitliche Gerechtigkeit
• die nachhaltige Energieversorgung der Menschheit = Ressourcengerechtigkeit.

Fairerweise muss dazu gesagt werden, dass die Interpretation der Themen als verschiedene Formen der Gerechtigkeit von mir stammt, aber so wird der Zusammenhang noch deutlicher. Denn alle Themen, das macht das Buch sehr klar, hängen zusammen und jedes Thema hat einen Einfluss auf die anderen.

Dabei haben die sozialen Formen der Gerechtigkeit klarerweise Vorrang vor ökologischen. Bewusstsein für die Umwelt kommt erfahrungsgemäß ohnehin erst dann auf, wenn die menschlichen und sozialen Grundbedürfnisse erfüllt sind.

Link zum Buch

Was nun das Buch aus meiner Sicht so speziell und damit bedeutsam macht ist die Zusammenschau und der detaillierte Aufweis, dass Teilrezepte, die in einem Bereich funktionieren mögen, negative Auswirkungen auf andere Bereiche haben können. Wenn man beispielsweise durch ökologisch motivierte Innovation – green technology – allein, wie das manche in Deutschland gut finden, mit Blick auf die Klimaziele Wachstumsimpulse für die Wirtschaft setzt, so führt dies zu einer Verbilligung von kohlenstoffreicher Primärenergie. Das kann man derzeit beim Ölpreis beobachten. Das wiederum regt insgesamt zu mehr Konsum von Öl an, was zwar anderswo die Wirtschaft wachsen, aber die Klimaziele global verfehlen lässt. Solche Rebound-Effekte zeigen, dass Insellösungen nicht die Antwort auf die Probleme sind. Also muss man alle Themen gemeinsam in ihrer Verflechtung sehen und einen Ansatz suchen, der insgesamt tauglich ist.

Diesen Ansatz findet Brunnhuber darin, dass er einen Wandel des Bewusstseins einfordert. Denn ein Wandel von Bewusstsein ist die Basis. Das reicht aber nicht, denn

„ein isolierter Bewusstseinswandel ohne einen Wandel von Technologie, Praxis und Governancestruktur ist einsam und stumpf, da er ohne Konsequenzen bleibt. Technologiewandel ohne Wandel der Governance-Struktur ist blind, eine Veränderung der sozialen Praxis ohne Bewusstseinsentwicklung ziellos und die Entwicklung von Governance und Institutionen ohne Bewusstseins- und Technologiewandel leblos.“ (S. 78)

Genau diese Multiperspektivität macht das Buch so wertvoll und komplex. Es versagt sich die martkschreierische „Ich weiß wie es geht“ Propaganda des Strandlektüre Buches und nimmt den Leser auf eine komplexe Reise mit. Die Landkarte für diese Reise stammt von Ken Wilber, dessen Aufforderung zum Integralen Denken in allen vier Quadranten die Blaupause für Brunnhubers Ideen liefert. Aber die Reiseroute, die Lokaltermine, also die Fakten, sind sehr genuin und in dieser Weise meines Wissens nirgends zusammengetragen. Die Vier-Quadranten-Struktur zeigt sich darin, dass alle Veränderungen sowohl individuell als auch kollektiv sein müssen, dass sie sowohl in der Innensicht – also dem individuellen Bewusstsein und dem kollektiven Bewusstsein, der Kultur – sichtbar werden müssen, als auch in der Außensicht, also im individuellen Verhalten und den kollektiven Strukturen.

Diese Struktur wendet Brunnhuber auf seine Grundthese an. Sie lautet:

„Governancestruktur, Bewusstseinslage, soziale Praxis und technologische Errungenschaften fallen so lange auseinander, solange es nicht gelingt, deren psychologisches Missing Link hinreichend zu formulieren.“ (S. 28)

Das Problem sieht er im Wachstumszwang, der vom implizit geltenden Primat der Ökonomie verordnet wird. Dementsprechend sorgfältig analysiert er geltende ökonomische Prinzipien und zeigt, wie schwach deren Fundamente sind und vor allem, wie wenig sie unsere eigentliche psychologische Natur berücksichtigen. Denn diese sei viel leichter durch Kategorien wie „Verzicht, Weniger, Balance, Unterscheidung und Weglassen“ (S. 28) beschreibbar.

Auf die Beschreibung der Forschungsergebnisse, die diese Analyse stützen, verwendet Brunnhuber viel Zeit und Aufmerksamkeit, so dass die Lektüre des Buches für jeden viele Erkenntnisse und Überraschungen bereithält. Für Leute wie mich, die die psychologischen Hintergründe relativ gut kennen, sind die ökonomischen und sozialen Analysen sehr einsichtsvoll und bereichernd. Für ökonomisch gebildete Leser wäre wohl der Anschluss an die Psychologie und klinische Psychiatrie sehr erhellend.

Das Rezept, das Brunnhuber aus seinen Erkenntnissen destilliert und das er manchmal fast etwas verschämt und versteckt präsentiert – vermutlich, um skeptischen oder weniger offenen Lesern nicht gleich die Laune zu verderben und so möglichst lange bei der Stange zu halten:

Verzicht, statt immer währende Suche nach neuen Konsumgütern oder ökonomischen Wachstumsphantasien;

Fasten, statt Konsum komplexer Gesundheitsleistungen;

Balance im Zeitbudget, statt dauernde Beschleunigung;

Meditation, Achtsamkeit und radikale Konzentration aufs Wesentliche, statt sich in der Welt der Hypertechnisierung zu verlieren.

Man könnte auch sagen: es ist eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte und Tugenden. Die aber – im Gegensatz zu vielen Besinnungs- und Selbsthilfebüchern – argumentativ aufs Beste gestützt ist durch kenntnisreiche Lektüre neuer Literatur aus allen relevanten Sachbereichen. Die daher auch einen Sog entfaltet, der ernsthaften Lesern am Ende kaum eine Wahl lässt, als Brunnhubers Analyse zuzustimmen.

Man hätte sich am Schluss vielleicht noch ein Kapitel mit Konkretisierungen gewünscht, mit Vorschlägen und Ideen, wie das alles gehen soll. Aber das ist vielleicht Material für Workshops oder ein Folgebuch mit Praxisideen, denn das Buch ist mit seinen knapp 300 Seiten Text schon dick genug. 261 Anmerkungen führen die Argumentation in Spezialbereiche oder geben Hinweise zu ca. 320 Literaturzitaten, die das Argument stützen. Vieles, was aus Brunnhubers eigentlichem Spezialgebiet stammt – Medizin, Psychologie, Psychiatrie und Ernährungswissenschaften – führt er gar nicht erst an, vermutlich weil es ihm ohnehin klar ist, oder der Apparat nicht zu überladen werden sollte.

Dafür sind gerade die Argumente, die sich auf Ökonomie, Ökologie und Politik beziehen sehr gut gestützt und mit Referenzen unterlegt. Für einen solchen transdisziplinären Blick auf ökonomisch-politische Argumente, wie sie die Wirklichkeit in unseren Gesellschaften gestalten, benötigt man wahrscheinlich auch einen solchen frischen, unverstellten Blick aus der Warte eines Psychologen und Psychiaters: um zu erkennen, wie nackt der immer wieder von unseren politischen und ökonomischen Eliten eingekleidete Kaiser wirklich ist. Und Brunnhubers Buch ist der lange Finger des Buben der hinzeigt und sagt: „seht her, der Kaiser ist nackt“.

Das ist eine undankbare, aber höchst nötige Rolle, und es ist Stefan Brunnhuber zu danken, dass er sich davor nicht gedrückt hat. Seine Mitgliedschaft im Club of Rome und der Europäischen Akademie der Wissenschaften haben ihm dafür offenkundig sowohl das nötige Fingerspitzengefühl als auch die transdisziplinären Kontakte verschafft.

Damit ist dieses Buch ein außerordentlich wertvoller Diskussionsbeitrag, dem eine weite Verbreitung zu wünschen ist. Jeder, der mit Menschen arbeitet, jede, der unser Gemeinwesen ein Anliegen ist und alle, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen, sollten das Buch lesen.

Für alle anderen ist es ein gutes Rezept gegen die Angst. Denn es zeigt einen konkreten Weg, den jeder gehen kann: seinen eigenen Lebensstil überdenken und überlegen, wo Verzicht vielleicht zu mehr Freiheit führen kann.

[1] Stefan Brunnhuber: Die Kunst der Transformation – Wie wir lernen, die Welt zu verändern. Freiburg: Herder, 2016, 334 Seiten, 24,99 Euro. ISBN 978-3-51-60003-6

Inhalt und Kontext lassen sich nicht trennen

Ein paar (weitere) Gedanken zu unserem Methodenartikel über die mangelnde Übertragbarkeit hierarchischen Denkens in der Methodologie

Vor kurzem haben Martin Loef und ich einen Aufsatz im Journal of Clinical Epidemiology publiziert, in dem wir das hierarchische Denken in der Methodologie kritisiert haben [1]. Wir argumentierten, im wesentlichen, dass es kurzsichtig ist, die wissenschaftliche Brauchbarkeit von Befunden nur davon abhängig zu machen, wie intern valide – also wie methodisch stringent – ein Befund ist. Denn, so das Argument, mit steigender interner Validität sinkt in der Regel die externe Validität und damit die Brauchbarkeit des Befundes. Wenn wir nur auf die interne Validität sehen, dann haben wir am Ende viele wissenschaftlich gültige Befunde, die in der Praxis unbrauchbar sind.
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Das Christentum ist eine Erfahrungsreligion

Religionswissenschaftler ordnen das Christentum, zusammen mit Islam und Judentum, den Buch- oder Offenbarungsreligionen zu. Damit meinen sie: diese Religionen stützen sich auf Offenbarungen, die angeblich von Gott stammen und in heiligen Büchern von Propheten oder Religionsgründern niedergeschrieben sind. An diese Offenbarungen muss man „glauben“, damit man zum Heil kommt oder dazugehört. Ich halte das für eine Verkennung der Tatsachen. Christentum ist eine Erfahrungsreligion (wie im Übrigen vermutlich auch die anderen beiden Religionen, zumindest im Kern und im Ursprung; aber da ich sie zu wenig kenne, will ich mich dazu nicht äußern). Sie beruht auf – inneren und äußeren – Erfahrungen der Gründer des Christentums und all jener, die zu seiner Verbreitung und Veränderung, seiner Gestaltung und Auswirkung beigetragen haben.

Karl Rahner hat dies klar gesehen und prophezeit, dass der Christ der Zukunft ein Mystiker sein werde oder gar nicht mehr existieren würde. Dies zeigt uns die Brücke: Mystiker sind Menschen, die über ihre innere Erfahrung Zugang zu einer Wirklichkeit erlangen, die vor unser aller Augen liegt, die aber den meisten nicht auffällt, weil sie zu sehr mit sich selber oder mit irgendwelchen Ideen beschäftigt sind. Diese Erfahrung interpretieren sie dann – notgedrungen, denn wir können nicht umhin, unsere Erfahrungen zu interpretieren – und zwar meistens im Rahmen der Bilder und Motive, die sie aus ihrer Kultur, Erziehung und Zeit her kennen. Wenn Rahner meint, der Christ der Zukunft – also alle Christen – müssten Mystiker werden, so meint er damit: Christen müssen, wenn sie in einer zukünftigen Welt Bestand haben wollen, ihre Religion von innen her, also durch eigene Erfahrung nachvollziehen. Oder anders ausgedrückt: Sie müssen sich selber um innere Erfahrung bemühen oder sich ihr öffnen, damit sie ihre Religion besser verstehen und sie von innen heraus beleben können.
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Was uns die Honigbiene und die Tschechen zu sagen haben

Ein paar neue Befunde: zur Wundheilung aus der Komplementärmedizin und zur Nutzung von Komplementärmedizin in Tschechien, sowie ein paar Assoziationen

Normalerweise mache ich keine Werbung in eigener Sache. Diesmal schon: ich betreue seit einigen Jahren als Chefherausgeber das vom Karger-Verlag in liebevoller alter Verlegerarbeit herausgegebene wissenschaftliche Journal „Forschende Komplementärmedizin – Research in Complementary Medicine (FoKom)“. Warum „Liebevolle Verlegerarbeit“? Zu Zeiten von massiver Überflutung mit Online-Publikationen, bei denen nicht mal mehr richtig lektoriert wird und zu Zeiten, da die wissenschaftliche Verlagslandschaft von Giganten auf dem Markt beherrscht wird, ist es alles andere als selbstverständlich, dass sich Menschen mit gründlichem Engagement um Inhalte bemühen und nicht nur um Geld [1]. Nach dieser kleinen dankbaren Hommage in Richtung unseres Redaktionsbüros in Freiburg nun zum eigentlichen Thema dieses Beitrags.

Normalerweise ist das, was wir in „Forschende Komplementärmedizin“ publizieren recht speziell und vor allem für forschende Akteure auf dem Gebiet interessant, nicht notwendigerweise für das öffentliche Publikum. Das ist bei der neuen Ausgabe anders. Interessierte können in einem frei zugänglichen Editorial (alle unsere Editorials sind das) nachlesen, warum das Anhäufen von Daten nicht ausreichend ist, um der Komplementärmedizin zu öffentlicher Geltung im Forschungssystem zu verhelfen, solange die Vormeinungen in den Köpfen der Akteure mehrheitlich anders gelagert sind (Harald Walach: „Mehr Daten? Mehr denken? Umdenken!“).

Ich wollte aber vor allem auf zwei empirische Originalarbeiten hinweisen:
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Old habits die hard – a reply to Adam La Caze – free access until 2016-04-22

Unser Artikel
Walach, H., & Loef, M. (2015). Using a matrix-analytical approach tosynthesizing evidence solved incompatibility problem in the hierarchy ofevidence. Journal of Clinical Epidemiology, 68, 1251-1260.
hat eine rege Diskussion ausgelöst.

Hier ist meine Antwort auf den ersten Kommentar von Adam La Caze im Journal of Clinical Epidemiology:
Walach, H. (2016). Old habits die hard – a reply to Adam La Caze.
Journal of Clinical Epidemiology, 72, 7-9.

Er kann unter dem Link
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0895435616000627
bis 22.4.2015 kostenfrei heruntergeladen werden.