Bröckelnde Mythen: Bildschirm, Handy und digitale Medien machen dumm

Zu viel Zeit am Computer, Mobiltelefon und mit Social Media schaden Kindern und Jugendlichen (und vermutlich auch allen anderen)

Die Digitale Revolution hat uns alle erreicht und gestaltet unsere Wirtschaft, unser Leben und unsere Beziehungen um, und wo sie das nicht schon getan hat, wird es bald so kommen. Daher ist es gut, wenn wir unsere Kinder möglichst bald damit vertraut machen. Also sollte die Digitalisierung in die Kinderzimmer, Kitas und spätestens in die Schulen einziehen.“ So etwa kann man es fast überall hören. Das ist, was die Bundesregierung umsetzen will, was die Wirtschaft fordert und was so selbstverständlich klingt, dass Nachdenken darüber – wieder mal – wie Zeitverschwendung klingt. Ein neuer moderner Mythos also.

Auch er bröckelt: Gerade erschien eine aufrüttelnde Studie in „Lancet Child & Adolescent Mental Health“ [1], die aus meiner Sicht einen deutlich wahrnehmbaren Bruch in diesem Fortschrittsmythos signalisiert. Sie wurde von einer kanadischen Arbeitsgruppe publiziert, die herausfinden wollte, wie sich die kanadischen Gesundheitsempfehlungen für Kinder und Jugendliche auf die Kognition auswirken. Diese Empfehlungen lauten: Kinder zwischen 5 und 13 Jahren sollten mindestens eine Stunde pro Tag körperlich stark aktiv sein, 9-13 Stunden schlafen und maximal 2 Stunden vor dem Bildschirm verbringen.

Die Autoren nahmen die neue ABCD-Kohorte – Adolescent Brain Cognition Development -, die in den USA an 21 Standorten über die nächsten 10 Jahre die kognitive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen dokumentieren wird. Die Ausgangsdaten der ersten 4524 Kinder und Jugendlichen, die eingeschlossen wurden, waren die Basis für diesen Artikel; ein Querschnittsdatensatz also, dessen Reichweite zwar begrenzt ist, der aber trotzdem aufhorchen lässt. Für sehr eilige Leser:

Nur 5% all dieser Kinder, die im Durchschnitt 10 Jahre alt waren, hielten diese Empfehlungen ein (nicht mehr als 2 Stunden Bildschirm, 1 Stunde Bewegung am Tag und mindestens 9 Stunden Schlaf). Wer all diese drei Empfehlungen einhielt, war deutlich schlauer, und am deutlichsten fällt die Zeit am Bildschirm ins Gewicht: wer mehr als 2 Stunden hinter einem Bildschirm verbringt ist deutlich weniger intelligent: nämlich um 4.2 Intelligenzpunkte weniger als die, die weniger als 2 Stunden hinter dem Bildschirm verbringen. Und wer dabei noch weniger als 9 Stunden schläft büßt 5.15 Intelligenzpunkte ein. Wenn man überlegt, dass eine Intelligenzskala auf eine Standardabweichung von 15 Punkten genormt ist, ist das ein Drittel einer Standardabweichung, und zwar im Querschnitt. Womöglich kumuliert sich der Effekt über die Jahre. Aber das wissen wir derzeit noch nicht. Read more →

Neuer Beitrag zur Methodenlehre: (21) Kreis statt Hierarchie in einer Bayesschen Analyse

Wie das zirkuläre Modell konkret funktioniert und warum es dem hierarchischen überlegen ist – Das Beispiel der ketogenen Diät

Soeben ist eine neue Publikation von uns in einer Online-Zeitschrift erschienen, in der wir vorgeführt haben, wie man das zirkuläre Erkenntnismodell konkret umsetzen kann [1]. Die Federführung hatte der Physiker Rainer Klement, der die Analyse gerechnet und die Beispieldaten zur Verfügung gestellt hat. Ich konnte ihn für meine Idee begeistern, dass man mit einem zirkulären Erkenntnismodell mehr Einsicht gewinnt als mit dem traditionellen, hierarchischen der „evidence based medicine (EBM)“. Der Schlüssel dazu könnte die hier vorgenommene Formalisierung sein, die einen Bayesschen statistischen Ansatz wählt. Das klingt komplizierter als es ist.

Hier weiterlesen: https://harald-walach.de/21-kreis-statt-hierarchie-in-bayesscher-analyse/

Wieviel Alkohol schadet? Nicht zu viel, oder lieber gar nicht? – Ein paar Gedanken zur neuen Studie von Wood und Kollegen in Lancet (2018)

Ich bekenne es freimütig: Ich mag Wein und trink‘ ihn gern (Bier manchmal, Schnaps selten). Da zu einer guten Einschätzung wissenschaftlicher Aktivität auch die Offenlegung von Interessenskonflikten gehört, auch intellektueller, tue ich das hiermit. Es wäre mir ehrlich gesagt nicht recht (und würde mich auch sehr wundern), wenn aufgrund wissenschaftlicher Daten der Puritanismus Einzug halten würde. Ich halte vom Puritanismus aus verschiedenen theologisch-weltanschaulichen Gründen nicht viel und bin, auch das wahrscheinlich ein Interessenskonflikt, zu sehr dem süddeutsch-bayrischen katholischen Raum verpflichtet, als dass ich mich zum Puritaner eignen würde. Auf diesem Hintergrund also meine Gedanken zu einer neuen Studie, die derzeit von allen Journalen kolportiert wird, die etwas auf sich halten und von allen Zeitschriften, die der orientierungslosen Lebensstilkämpferin um das rechte Maß bei ihrem Orientierungslauf helfen wollen.

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„Forbidden Histories“ – Youtube-Kanal von Andreas Sommer

Ich weise gerne auf einen neuen Video-Kanal https://www.youtube.com/forbiddenhistories mit entsprechender Webseite hin. Der Kanal wird von Dr. Andreas Sommer betrieben, der sich in Cambridge, am Institut für Wissenschaftsgeschichte intensiv mit der Geschichte der Parapsychologie auseinandergesetzt hat. Er wird in einer Serie von englischsprachigen Videos in die Geschichte der Erforschung okkulter und paranormaler Phänomene einführen. Man kann ihm auf seiner Webseite www.forbiddenhistories.com auch Wünsche nennen.

Neues Buch: Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie

Ich habe gemeinsam mit den Kollegen Georg Juckel und Knut Hoffmann vom Universitätsklinikum Bochum ein Buch zum Thema Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie herausgegeben, das soeben beim Papst-Verlag erschienen ist:


https://www.amazon.de/Spiritualit%C3%A4t-Psychiatrie-Psychotherapie-Georg-Juckel/dp/3958533825

Mein Anteil daran geht auf eine Buchidee zurück, die der verstorbene Hans-Wolfgang Hoefert mit mir realisieren wollte. Bevor es dazu kam verstarb er und hat mir einige Wochen vor seinem Tod sein Herzensanliegen, dieses Buch, zur Durchführung und Vollendung überlassen. Es hat sich gut gefügt, dass zur gleichen Zeit Georg Juckel und Knut Hoffmann das Ergebnis einer Tagung in Buchform publizieren wollten und Herr Papst diese beiden Projekte in ein Buch zusammengefasst hat. So ist ein schöner Band entstanden, der die derzeitige Diskussion bündelt und dies vor allem auch für den deutschsprachigen Raum.

Wir haben das Buch dem Andenken an den Kollegen Hoefert gewidmet, der sein Entstehen nicht mehr erlebt hat. Er hätte sich aber gefreut so viele Autoren versammelt zu sehen. Die historische Dimension ist vertreten, sowie Artikel zu den spirituellen Aspekten von Christentum, Ostkirche, Judentum, östlicher Religionen sowie des Islam. Die Bedeutung von religiösen Haltungen bzw. Atheismus für die Besserung in stationärer Psychotherapie wird genauso diskutiert wie die spirituellen Wurzeln der dialektischen Borderlinetherapie Linehans, Spiritualität bei deutschen Psychotherapeuten, der Forschungsstand zu aussergewöhnlichen Erfahrungen oder Fragen der Operationalisierung von Religion und Spiritualität in Deutschland un den USA und Krankenhausseelsorge im Rahmen der Psychiatrie.

Ein dritter Abschnitt befasst sich mit Spiritualität ohne religiösen Bezug, in dem verschiedene Aspekte wie existenzial­psychologische oder atheistische Deutungsmuster von Spiritualität und andere weiterführende Überlegungen behandelt werden.

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