Hochdruck-Medikamente schaden bei Bluthochdruck im Grenzwertbereich

Eine These, die ich einmal entwickelt habe, als ich mir vor Jahren die Berichterstattung über die konventionelle und die komplementäre Medizin in den Printmedien in England angesehen habe, lautet: Etwa 10-14 Tage, nachdem eine Hiobsbotschaft über die konventionelle Medizin, vor allem die Pharmakologie, hereingebrochen ist, geht das CAM-Bashing wieder los.

Vor allem Print-Medien, aber auch andere, schlagen dann ein auf die Homöopathie, die Akupunktur, die Phytotherapie oder was sonst grad so zur Verfügung steht. [1]

Diese These können wir jetzt einmal live testen. Denn gerade ist eine schlechte Nachricht für die konventionelle Pharmakologie angekommen, die zu einem Rückgang der Verschreibungen führen wird und muß. Die Botschaft lautet: Die leitliniengemäße Verschreibung von Bluthochdruck-Medikation für Patienten, die einen grenzwertig hohen Blutdruck (zwischen 140 und 159 systolisch und 90 und 99 diastolisch) haben und sonst keine weiteren Risikofaktoren, ist nicht nur nicht nützlich, sondern gefährlich. Das zeigt eine Studie einer englischen Forschungsgruppe, die in der letzten Ausgabe von JAMA Internal Medicine veröffentlicht wurde. [2].

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In Praise of Political Incorrectness

Our Political Correctness Culture is as Bad as Any Tribal Taboo: Comments on Two Victims of PC – Peter C. Gøtzsche and Dieter Schönecker

I wrote in English for a change, as my topic addresses an international audience. Those who do not understand English well enough may be interested in a German abstract.

Political Correctness

Tribal taboos, like overstepping an imaginary boundary, eating the wrong type of food, etc. are ridiculed by us modern people. We think they are irrational and we do not need them. Wrong. We have an even worse version of taboo: political correctness (PC). The role and function of such a system of behavior can be illustrated by a nice story, which my friend and colleague Volker Sommer told me, who used to run a primate observation station in Nigeria and has produced lots of data about the behavior of free-ranging primates like bonobos, chimpanzees and gorillas [1].

He observed the behavior of two tribes of chimpanzees, living in close proximity, except they were separated by a river and thus had developed different cultural rituals that served to distinguish them from others: One of them used to poke sticks into an ant-heap and then lick the ants, while the other tribe did not do that. Licking the ants, Volker explained to me, was not particularly funny, as they exude their typical acid that burns and pricks, and for food purposes the ants were not really very useful, as the chimps had plenty of food.

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Das neue Narrativ: Vom Patienten zum Agenten

Ich habe mich in der letzten Zeit ein bisschen mit theoretischen Fragen beschäftigt. Dazu gibt es ein neues Editorial von mir („We need a new narrative: Agents instead of patients”), das frei verfügbar ist [1] und einen ausführlicheren Artikel, den ich zusammen mit dem britischen Medizinphilosophen Michael Loughlin geschrieben habe und der ebenfalls frei verfügbar ist [2]. Wen die Argumentation interessiert, der findet ausführlichere Gedanken in diesen Texten.

Kurz zusammengefasst handelt es sich um folgendes Argument:

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Petition für Peter Gøtzsche – Seine Reputation und Stelle in Gefahr – Bitte unterschreiben Sie die Petition

Peter Gøtzsche ist einer der wirklich aufrichtigen, ehrlichen und ethischen Wissenschaftler, die ich in meiner 30jährigen Laufbahn kennengelernt habe. Er hat viel bewegt. Er ist Mitbegründer der Chochrane-Collaboration, eines Netzwerkes, das systematische Reviews über die Wirksamkeit medizinischer Interventionen erstellt, war Leiter des Nordic Cochrane Centers in Kopenhagen und wurde in letzter Zeit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt durch seine Kritik an dem Einfluss, den die pharmazeutische Industrie auf medizinisch-politische Entscheidungen nimmt.

Seine Bücher „Deadly Medicine and Organised Crime“ [1] und „Deadly Psychiatry and Organised Denial” [2] machten ihn einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Bei uns hat er einen bemerkenswerten Vortrag auf unserem Symposion „Weniger ist mehr“ gehalten, wo er seine Thesen zur Gefahr in der Psychiatrie darstellt

Vor Kurzem wurde er in das Aufsichtsgremium der Cochrane Collaboration gewählt. Seine Versuche, die ursprüngliche akademische Debattenkultur und Grasswurzel-Natur der Bewegung wieder herzustellen, scheiterten. Er wurde vom CEO entlassen, unter großem Protest: 5 weitere Aufsichtsratsmitglieder von den insgesamt 11 traten aus Solidarität zurück. Nun wurde er von seiner Stelle und seinem Dienst suspendiert. Eine Petition, die von einem Aufsichtsratkollegen aus Spanien organisiert wird, fordert den dänischen Gesundheitsminister auf, diese Entscheidung zurückzunehmen: https://www.ipetitions.com/petition/letter-to-danish-minister-of-health-against

Ich habe ihn gefragt: die Sachverhalte stimmen; er selber hat sie in einem kurzen Blog im BMJ dargestellt: https://blogs.bmj.com/bmj/2018/11/08/peter-c-gotzsche-cochrane-no-longer-a-collaboration/ und soeben hat Science darüber berichtet: https://www.sciencemag.org/news/2018/11/hospital-s-suspension-evidence-based-medicine-expert-sparks-new-controversy.

Hier ist Peter Gotzsches Darstellung der Abläufe seit der Eskalation im September 2018: http://www.deadlymedicines.dk/wp-content/uploads/2018/10/G%C3%B8tzsche-complaint-to-Charity-Commission-about-the-Cochrane-Collaboration.pdf

Es ist in seinem Sinne, diese Petition zu unterzeichnen. Innerhalb von 5 Tagen haben mehr als 5.000 Leute unterschrieben. Helfen Sie mit, einem unerschrockenen Mann, der sich nicht scheut die Wahrheit zu sagen, in seiner Position zu halten und
– unterzeichnen Sie die Petition:
https://www.ipetitions.com/petition/letter-to-danish-minister-of-health-against
– und verbreiten Sie sie möglichst weit.

[1] Gøtzsche, P. C. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma Has Corrupted Health Care. London: Radcliff.
[2] Gøtzsche, P. C. (2015). Deadly Psychiatry and Organised Denial. Copenhagen: People’s Press.

Heilung kommt von Innen – Mein neues Buch ist da

Mein neues Buch „Heilung kommt von Innen“ ist soeben im Verlag Droemer-Knaur in München erschienen und jetzt im Buchhandel erhältlich

Es ist die überarbeitete Version meines 2010 publizierten Buches „Weg mit den Pillen“, dessen Titel damals allerdings etwas missverständlich war. Dies, und einige andere Dinge, habe ich korrigiert und verbessert, einiges aktualisiert und Elemente wieder eingebaut, die damals keinen Platz hatten.


Eine erste Besprechung findet sich im Kolibri-Magazin hier: http://kolibri-mag.de/heilung-von-innen/

Das wesentliche Argument des Buches: Wir benötigen für den Umgang mit unserer Gesundheit neue Denkformen. Die herkömmlich in der Medizin gängige Maschinenmetapher für den Organismus ist sehr nützlich, wenn es um die Behandlung akuter Störungen geht. Sie ist weniger hilfreich, wenn es um die Behandlung chronischer Krankheiten geht und sie ist praktisch sinnlos, wenn es um Eigeninitiative, Eigenverantwortung und Prävention, oder besser gesagt um ein gutes Leben ohne Medikalisierung geht. Eine wissenschaftliche Argumentation zu diesem Thema habe ich vor Kurzem zusammen mit dem englischen Philosophen Michael Loughlin in „Philosophy, Ethics, and Humanities in Medicine“ publiziert; sie ist online verfügbar.

Wir tun uns einen Gefallen, wenn wir den Organismus nicht als Maschine, sondern als ein intelligentes, sich selbst organisierendes System sehen, das alle Bedingungen zu seinem Wachsen und Gedeihen selbst erzeugt und daher auch eigentlich nichts anderes braucht, als darin unterstützt zu werden. Aus dieser Perspektive heraus diskutiere ich verschiedene therapeutische Optionen, den Placebo-Effekt, die Möglichkeit, über Meditation und Kultur des Bewusstseins, sowie über die Ernährung Verantwortung für seine eigene Gesundheit zu übernehmen.

Wichtig hierbei: Verantwortung heißt nicht Schuld. Man kann Verantwortung für sich und seine Gesundheit übernehmen, auch wenn man an seiner Krankheit, seinen Genen, seinem Gewordensein keine „Schuld“ hat. Und wer Verantwortung übernimmt, sagt damit nicht, er oder sie sei selber schuld am Malheur.

Ausserdem skizziere ich am Ende einen neuartigen Zweig des Gesundheitswesens, einen vierten Sektor sozusagen, in dem es weniger um Behandlung, als um Lebensbegleitung und Gesundbleiben geht. Möglicherweise brauchen wir eine neue Art von Gesundheitsspezialisten, irgendetwas zwischen Psychologen und Ärzten. Leute, die sich ausreichend gut mit Physiologie und Krankheit auskennen aber mehr von Psychologie verstehen als durchschnittliche Ärzte und die daher sowohl chronisch kranke Menschen, als auch solche, die es nicht werden wollen, mit kompetenten Ratschlägen durchs Leben begleiten. Früher hat das der Hausarzt gemacht. Heute, in Zeiten von DRGs und anderen Zwängen gibt es dafür kaum mehr Raum und Zeit. Vielleicht brauchen wir daher eine neue Vision für unser Gesundheitssystem? Ich habe eine solche skizziert.

Ich freue mich über Rezensionen und Weiterleiten. Danke fürs Weitersagen.