Der perfekte Mord? Neue Albernheiten zum Thema Homöopathie

Portrait Prof. Harald Walach
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Ich entwickle jetzt einen neuen Workshop: „Der perfekte Mord“. Den biete ich für potenzielle Mörder und Polizisten gleichermaßen an. Die Mordwaffe: homöopathische Zahnungskügelchen bzw. Gels. Da ist nämlich Belladonna D12 drin, das „Gift der Tollkirsche“ in nicht unerheblicher Dosierung, wie man der Tagespresse entnehmen konnte (3 * 10-13 % des Inhalts, also eine Zahl mit 13 Nullen und dann 3). Wenn man das lange genug nimmt – denn Zahnungskügelchen sind gefährlich – dann kriegen die Leute epileptische Anfälle, Krämpfe, fallen am Ende gar mal aus Versehen von einer Leiter oder vom Balkon und tot sind sie.

Perfekt. Weil „nichts“ dran schuld war, genauer gesagt, fast nichts, bzw. die Homöopathie, wieder mal. Alle Spuren verwischt, schon von Anfang an. Die unsichtbare, unauffindbare, und daher perfekte Mordwaffe. Grandiose Idee, oder?

Jetzt mal im Ernst: Wie albern wird denn der Diskurs um die Homöopathie noch geführt, dass sich sogar ernsthafte Tageszeitungen dazu hinreißen lassen, halbseitige oder ganzseitige Artikel zu drucken. Ich schäme mich für meine deutsche Qualitätspresse, daher drucke ich die Links gleich gar nicht ab.

Stattdessen hier der Link zur Originalquelle, von der alle abgeschrieben haben, wenn ich das recht sehe:
http://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2602995

Es handelt sich, kurz zusammengefasst, nicht um einen wissenschaftlichen Artikel, sondern um eine Pressekolumne des JAMA. Diese berichtet davon, dass offenbar mehrere Kinder nach der Einnahme von homöopathischen Zahnungskügelchen oder Gels mit Krämpfen ins Krankenhaus eingeliefert wurden, und dass manche sogar starben. Spätere Untersuchungen ergaben „erhöhte Werte“ des Inhaltstoffes, Alkaloide der Tollkirsche, deren bekanntestes das Atropin ist, abgeleitet vom botanischen Namen der Pflanze, atropa belladonna. „Offiziell“, also laut amerikanischer Pharmacopoe (dem Manual zur Herstellung solcher Substanzen, das sehr eng an die deutsche bzw. europäische Pharmacopoe angelehnt ist) sind eben wie gesagt in diesen Zahnungskügelchen Belladonna in der D12 oder jedenfalls in einer Potenzierung vorhanden, die sicher ist (eben die oben zitierte 3 mit 13 Nullen hinter dem Komma).

Wenn also wirklich in diesen Zahnungskügelchen erhöhte Werte zu messen waren, dann ist das ein Herstellungsfehler und damit ein Kontrollfehler amerikanischer Behörden und nicht ein Problem der Homöopathie. Oder aber die Kügelchen wurden viel zu lange und intensiv verwendet – die offizielle Angabe zur Selbstanwendung liegt bei einer Woche. Oder aber, was eigentlich wahrscheinlicher ist: Die Kinder hatten andere Probleme oder waren sonst wie krank, erhielten auch noch homöopathische Zahnungskügelchen und wenn das Kind dann was ernsthaftes hat oder gar stirbt, sucht man einen Schuldigen: das homöopathische Zahnungskügelchen auf dem Nachtkasten.

Das Verrückte ist aus meiner Sicht die absolut selbstwidersprüchliche Art, mit der Homöopathie im öffentlichen Diskurs momentanen verhandelt wird: Mal soll sie abgeschafft werden, weil sie angeblich völlig unwirksam ist, weil sie ja nichts enthält – in sich selbst eine Beleidigung der wissenschaftlich geschulten Vernunft. Mal soll sie abgeschafft werden, weil sie gefährlich ist, denn Kinder können daran sterben (und am Ende auch Sie, liebe Leser, wenn Sie sich an einer Packung Zahnungskügelchen verschlucken, die Sie unter die Zahnprothese gelegt haben, damit die dritten Zähne sprießen; Achtung!).

Also bitte und jetzt mal im Ernst, liebe Homöopathiekritiker: Wie verrückt ist denn das jetzt wieder?

Jedem logisch denkenden Mensch muss doch der offensichtliche Widerspruch ins Auge fallen: Entweder ist Homöopathie reiner Schabernack und Quacksalberei, weil bar jeglichen Wirkstoffs, dann kann sie auch nicht zu ernsthaften Erkrankungen oder Todesfällen führen, außer durch effektives Selbsterschrecken über den Wahnsinn der Welt. Oder es gibt Inhaltsstoffe, die nicht nur wirken, sondern so stark wirken, dass sie eine Gefahr darstellen können. Entweder das Eine, oder das Andere, nicht beides zugleich, jedenfalls in diesem Zusammenhang.

Ich selber glaube, Homöopathie funktioniert durchaus, und daher kann sie auch im Einzelfall Symptome hervorrufen. Das ist ja das Prinzip der homöopathischen Arzneimittelprüfung, bei der Gesunde Homöopathika nehmen – seit einiger Zeit fast nur noch hohe Potenzen, früher waren das auch Urtinkturen oder tiefe Potenzen. Sie erleben, nicht immer, aber manchmal, Symptome, die, nicht immer, aber manchmal, auch durchaus stark sein können, aber wieder abklingen. Todesfälle sind meines Wissens dabei noch nie berichtet worden.

Der eine Todesfall, über den ein ziemlich schlampiger Review [1] berichtet, wurde von mir bei genauerer Nachprüfung als einer entlarvt, der nicht wegen, sondern trotz Homöopathie – aber mit ein paar Jahren Verzögerung – eingetreten ist [2]. Ich habe einige Arzneimittelprüfungen mit Belladonna gemacht, immer mit der C30 (also 100-30 oder 10-60 Verdünnung, eine 10 mit 60 Nullen hinter dem Komma, also ein Zuckerwürfel im Universum aufgelöst, ungefähr). In meiner ersten Prüfung hatten einzelne Prüfer durchaus starke Symptome, die dann wieder verschwanden, aber über alle Prüfungen hinweg waren sie nicht dingfest zu machen.

In anderen Prüfungen haben wir das auch gesehen: unter Homöopathie, übrigens auch unter Placebo, können ziemlich intensive Symptome auftreten [3-10]. Sie klingen aber nach ein paar Stunden, spätestens nach ein paar Tagen, in Einzelfällen erst nach Wochen, wieder ab. Sie treten auch keinesfalls bei allen auf. Und sie treten vor allem selten dann auf, wenn jemand eine einzige Dosis, egal wie groß sie ist, auf einmal nimmt. Man erinnere sich: Die englischen Skeptiker haben ja mal eine karnevalsähnliche Provokationsveranstaltung gemacht, indem sie reihenweise ganze Kügelchenfläschchen mit irgendwelchen C30 Potenzen geschluckt haben, um zu demonstrieren, wie unwirksam doch Homöopathie sei. Auch unser Sohn hat mal als Kind eine halbe Flasche Chamomilla C30, ca. 50 g Kügelchen, geschluckt, weil sie ihm schmeckten. Er lebt noch.

Arzneimittelprüfungswirkungen sind sehr selektiv, keinesfalls universell, und sie benötigen eine längerdauernde, wiederholte Stimulation. Skeptikern, die das gerne mal nachvollziehen mögen, empfehle ich, nicht eine ganze Flasche aufs Mal zu nehmen, sondern z.B. Sulfur, Nux vomica, vielleicht sogar Platin als C30 oder C200, und das dann immer mehrere Kügelchen aufs Mal, aber dann z.B. alle paar Stunden und dann über ein paar Tage hinweg nehmen. Wenn nach ein paar Tagen keine Symptome auftreten, waren Sie nicht sensibel für das Arzneimittel. Wenn ja: nicht verzagen, suchen Sie einen homöopathischen Arzt Ihres Vertrauens auf. Davon gibt es in Deutschland ja viele. Der sucht dann das passende Antidot.

Und weil das so ist, weil man manchmal auch eine Arzneimittelprüfung erleben kann, wenn man homöopathische Arzneien nimmt, die unpassend sind, oder wenn sie nicht mehr indiziert sind, oder einfach so über einen längeren Zeitraum, darum hat das hiesige Bundesinstitut für Arzneimittel durch seine Kommission D, der ich seit einiger Zeit angehöre, eine Dosierungsrichtlinie entwickeln lassen, die genau diesem Sachverhalt Rechnung trägt. Darin steht zum Beispiel, dass man die Höchstdosierung nicht überschreiten soll, dass man dann, wenn man homöopathische Arzneimittel selber anwendet, nach einer gewissen Zeit zum Arzt gehen soll, wenn die Symptome nicht besser werden oder andere dazukommen, und dass man insbesondere bei Kindern auf die Höchstgrenzen achten soll.

Abgesehen davon gelten in Deutschland sehr strenge Qualitätskontrollen, die sicher stellen, dass die Verdünnung, die angegeben ist, auch verwendet wird. Wer einem zahnenden Kind Belladonna literweise in die Trinkflasche kippt und das über Wochen macht, auch wenn es gar keine Symptome hat, der kann sich durchaus eine Arzneimittelprüfung einhandeln. Aber epileptische Krämpfe? Todesfälle gar? Das scheint mir bei einer Potenz von D12 praktisch ausgeschlossen. Da dürften Herstellungsfehler, wie das Spezialisten beim Zentralverein homöopathischer Ärzte ausgerechnet haben, die wahrscheinlichere Ursache sein, oder eben eine Fehlattribuierung von unbekannten Erkrankungs- oder Todesursachen auf homöopathische Zahnungskügelchen.

Dabei hat vielleicht ein sich klug dünkender Journalist oder Beamter die Option entdeckt, das gleich mal für eine neue Runde Homöopathieabwatschung zu verwenden. Bloss haben die Akteure dabei die Logik vergessen: Entweder ist Homöopathie unwirksam. Dann ist es auch albern, ihr Epilepsie oder Todesfälle als Ursache anzudichten. Oder aber diese können tatsächlich durch Homöopathie ausgelöst werden. Dann ist Homöopathie nicht unwirksam. Also, was jetzt, liebe Kritiker?

Quellen:

  1. Posadzki P, Alotaibi A, Ernst E: Adverse effets of homeopathy: a systematic review of published case reports and case series. The International Journal of Clinical Practice 2012;66:1178-1188.
  2. Walach H, Lewith G, Jonas W: Can you kill your enemy by giving homeopathy? Lack of rigour and lack of logic in the systematic review by Ernst and colleagues on adverse effects of homeopathy. International Journal of Clinical Practice 2013;67:385-386.
  3. Walach H, Teut M: Scientific provings of ultra high dilutions in humans. Homeopathy 2015;104:322-327.
  4. Walach H: In praise of coffee and scientific anomalies. Sleep Medicine 2011;12:427-428.
  5. Möllinger H, Schneider R, Walach H: Homeopathic pathogenetic trials produce symptoms different from placebo. Forschende Komplementärmedizin 2009;16:105-110.
  6. Walach H: Homeopathic pathogenetic trials – A summary of 20 years of reflection, data collection, and analysis; in Witt C, Albrecht H (eds): New Directions in Homeopathy Research: Advice from an Interdisciplinary Conference. Essen, KVC-Verlag, 2009, pp 43-66.
  7. Walach H, Möllinger H, Sherr J, Schneider R: Homeopathic pathogenetic trials produce more specific than non-specific symptoms: Results from two double-blind placebo controlled trials. Journal of Psychopharmacology 2008;22:543-552.
  8. Dantas F, Fisher P, Walach H, Wieland F, Rastogi DP, Texeira H, Koster D, Jansen JP, Eizayaga J, Alvarez MEP, Marim M, Belon P, Weckx LLM: A systematic review of homeopathic pathogenetic trials published from 1945 to 1995. Homeopathy 2007;96:4-16.
  9. Walach H, Köster H, Hennig T, Haag G: The effects of homeopathic belladonna 30CH in healthy volunteers – a randomized, double-blind experiment. Journal of Psychosomatic Research 2001;50:155-160.
  10. Walach H: Does a highly diluted homoeopathic drug act as a placebo in healthy volunteers? Experimental study of Belladonna C30. Journal of Psychosomatic Research 1993;37:851-860.