Neu und alt – eine Reise nach Litauen…




…zu einem Workshop des Next Society Instituts und einige Gedanken zu neuen und alten Religionen

Das Next Society Institute

Ich war gerade für einige Tage in Litauen, in der Hauptstadt Vilnius, zu einem Treffen des Next Society Instituts an der Kazimieras Simonavičius Universität, dem ich seit einem halben Jahr angehöre. Das ist ein Think-Tank einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern, die neue Konzepte für verschiedene Bereiche der Gesellschaft entwickeln (Abb. 1-4). Wir planen eine Serie von jährlichen Konferenzen mit konstruktiven Modellen für die Zukunft.

Abbildung 1 – NSI-Mitglieder Lars Clausen, Augusto Sales und Miguel Pérez-Valls beim Zuhören; Skizzen Franz Hoegl

Im Gegensatz zum momentanen Trend, der alles in das Prokrustesbett einer einzigen wahren Perspektive zwängt und einer Wahrheit unterordnet, gehen wir davon aus, dass es viele Alternativen, viele Äußerungsmöglichkeiten von Kultur, Menschsein, Gesellschaft gibt, und damit auch verschiedene Zukunftsentwürfe, „Futures“ auf Englisch, also Plural, und nicht nur die totalitäre eine Zukunft, eine Wahrheit, eine Gesundheit, eine Politikform, eine Religion, eine irgendwas. Die konzeptuelle Basis ist die Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann [1].

Abbildung 2 – Franz Hoegl sieht Harald Walach

Der Name der Universität leitet sich her vom litauischen Erfinder, Mathematiker, Chemiker, Ingenieur Kazimieras Simonavičius (1600 – 1651). Er war General in der polnischen Armee und publizierte ein Jahr vor seinem Tod das wegweisende Werk „De Artilleria“, ein Buch, in dem er Grundprobleme der Ballistik, der Artillerie, der Chemie von Sprengstoffen und den Aufbau von Mehrstufenraketen vorwegnahm. Diese Gedanken blieben bis weit ins 19. Jahrhundert wegweisend, und die Litauer sind sehr stolz auf ihren Gelehrten, den man manchmal den litauischen Leonardo nennt.

Abb. 3: Die Besitzerin der Universität

Abb. 4 – Steffen Roth (https://derroth.com/), der Initiator des NSI, die Rektorin und Forschungsrektorin der Universität; Skizzen Franz Hoegl

Das angeblich neue, alte Denken und die Religion des Mittelalters

Das Neue hebt sich ab vom Alten, das sich gerne als das alternativlos Neue sieht, vor allem im Denken. Das alte Denken würde ich so charakterisieren: einige Experten wissen genau, was richtig ist. Einige Politiker übernehmen diese Meinung und setzen sie mit mehr oder weniger deutlich wahrnehmbarer Gewalt durch. Die mediale Welt wäscht diese Wahrheit rein von allen Schatten ins blendend Weiße ohne Wenn und Aber.

Früher hat die Religion so operiert. Sie gab die dogmatische Linie vor. Diese wurde auch von der weltlichen Gewalt übernommen. Abweichler wurden vom kirchlichen Arm der Gewalt, damals die Inquisition, identifiziert, der weltlichen Gewalt zum Gericht übergeben, und sauber blieb das Weltbild. Heute übernehmen Faktenchecker, medial präsente Besserwisser in den Talkshows und der Mob der sozialen Medien die Funktion der Inquisition und orten die, die gefährlich-abweichende Meinungen äußern und übergeben sie dem Gericht des öffentlichen Urteils. Dieses richtet entlang der akzeptierten und akzeptablen Meinung. Egal ob es um Politik, Gesundheit, Ökologie, oder Wirtschaft geht. Man muss dazu nicht einmal Sachkenntnis haben. Denn die Fachleute, die Experten, die die Regierungen beraten, die medial präsent und damit einzig wirklich sind, haben die Wahrheit ja gefunden. Die medialen Türhüter und Wächter haben sie verkündet. Die Politik bemüht sich, sie umzusetzen. Und brave Bürger helfen dabei.

Das ist exakt das hierarchisch-elitäre Modell der mittelalterlichen Gesellschaft, nur dass statt der göttlichen Wahrheit oben das steht, was einige für die „echte“, „wissenschaftlich“ verbürgte und damit eindeutige Wahrheit halten. Nochmals anders ausgedrückt: Das ist eine pseudo-religiöse, im Grunde abergläubische, oder theologisch gesprochen heidnische Religion. Man könnte sie den materialistischen Naturalismus, oder den Szientismus nennen. In ihr übernimmt die Naturwissenschaft die Funktion der Religion. Und weil sie unreflektiert ist, weil also die, die an sie glauben, gar nicht merken, dass sie einer Religion anhängen, sondern denken, sie folgen nur „der Wahrheit“, ist sie aus meiner Sicht besonders gefährlich. Denn sie lässt keinerlei Alternativen zu. Sie sieht ihre Begrenztheit und ihre Abhängigkeit von Vorannahmen nicht. Sie versteht nicht, dass sie auf Grundlagen aufbaut, die sie eben genau nicht mit ihren eigenen Mitteln als wahr und unbezweifelbar beweisen kann. Das ist ein Allgemeinplatz, seit um die 1930er Jahre in verschiedenen Bereichen klar wurde, dass es voraussetzungsfreie Denksysteme nicht geben kann. Ich verweise auf meinen Galileoreport  [2] und mein Wissenschaftstheorielehrbuch; dort habe ich das genauer ausgeführt [3].

Die neue Religion des Szientismus und ihr impliziter Totalitarismus

Der Götze dieser neuheidnischen Religion ist die neue Dreifaltigkeit aus „Fortschritt“, „Profit“ und „materieller Unsterblichkeit“. Götzen sind, das findet man im Alten Testament, Idole, denen man Menschen opfert. Das tat die alte kanaanitische Religion, gegen die sich das Judentum durchsetzte [4]. Das taten die alten germanischen und keltischen Religionen. Seit das Christentum zur dominierenden Religion in Europa wurde, sind Menschenopfer eigentlich abgeschafft, sollte man meinen. Die Moderne, oder was wir dafür halten, hat sie wieder eingeführt. Denn den Götzen der neu-alten Religion werden wieder Menschen geopfert.

In Kriegen werden Menschen einer politischen Ideologie geopfert. Noch nie sind so viele Menschen um einer Ideologie willen ums Leben gekommen wie in den neuzeitlichen Kriegen seit dem Ersten Weltkrieg, meinethalben auch seit dem 30-Jährigen Krieg. Im Ersten Weltkrieg war es die Ideologie des Vaterlandes. Im Zweiten Weltkrieg die Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis. In den Kriegen seither war es die Ideologie der „Westlichen Werte“, die Millionen von Toten in Afghanistan und Irak in Kauf nahm [5].

Unsere Wirtschaftsform führt dazu, anders als die Propheten des Fortschritts uns glauben machen wollen, dass unzählige Menschen sterben, an Hunger und anderen Kollateralschäden des Fortschritts, auch wenn manche Aspekte des Fortschritts, steigende Hygiene, Zugang zu sauberem Wasser, dieser Situation entgegenwirken [5].

In den Ländern Mitteleuropas werden der „Rationalisierung“ und damit dem Profit Menschen geopfert: Das sind diejenigen, die zurückbleiben, die die hohe Taktung nicht vertragen und depressiv werden, ausgelaugt und ausgebrannt.

Wir erlebten gerade, wie in der Pandemie dem Primat der „öffentlichen Gesundheit“ alles untergeordnet wird. Ich hatte es schon des Öfteren erwähnt: Die Impfstoffe sind mit Todesfällen assoziiert, die um den Faktor 100 bis 560 höher sind als die, die mit allen anderen Impfstoffen assoziiert sind, und zwar gerade bei Menschen in Altersgruppen, die von der eigentlichen Krankheit wenig zu befürchten gehabt hätten. [6-8] Ich habe gerade ein Interview mit einem Arzt geführt, der eine große Beobachtungsstudie zur Wirksamkeit dieser Impfungen, zu Problemen und Nebenwirkungen macht. Er sprach von 200.000 schweren und u.U. bleibenden Nebenwirkungen allein in Deutschland. Diese Tatsache wird ausgeblendet.

Letztlich ist es das Projekt der menschlichen Unsterblichkeit, wie Harari richtig analysiert hat [9], das der Treiber vieler dieser medizinischen Entwicklungen ist. Wenn man dieses Projekt mit aller Konsequenz verfolgt, was passiert dann? Dann wird dem Existenzrecht der lebenden Generation alles andere untergeordnet. Dann wird der Tod der lebenden Generation über die physiologische und genetische Grenze hinaus, die wohl bei irgendwas zwischen 120 und 150 Jahren liegt, auf unbestimmt hinausgezögert. Es kommen aber immer neue Menschen auf die Welt. Die kann man aber gar nicht brauchen, denn die künstliche Intelligenz, die Teil dieser neuen Entwicklungen ist, wird viele Aufgaben übernehmen. Wenn wir diese Entwicklung mit dem Primat der ökologischen Rettung des Klimas – Zero Carbon Emission  – verbinden [10], was kann dann nur, mittel- und langfristig, die einzige Konsequenz sein? Man muss sich was einfallen lassen, wie man die Übervölkerung eindämmt. Vielleicht die Ein-Kind-Politik weltweit, wie seinerzeit in China? Oder Zero-Kinder?

Auch diesem Götzen der Unsterblichkeit werden im Grunde, vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann in näherer Zukunft, Menschen geopfert werden.

Menschenopfer sind Zeichen von Götzendiensten und heidnischen Religionen. Die neuheidnische Religion des Szientismus führt in letzter Konsequenz genau dazu. Daher ist es wichtig, dass alternative Entwürfe, Einwürfe, Irritationen in diesen Einheitsbrei von schlechter Wissenschaft, falscher Philosophie und medialem Totalitarismus geworfen werden. Die Einwürfe der Künstler von #allesdichtmachen, die ich im letzten Blog besprochen habe, sind solche Irritationen. Irritationen dienen dazu, vermeintliche Sicherheiten zu hinterfragen und totalitäre Deutungen zu entlarven.

Totalitarismus, Irritationen und Satire – eine kleine Vignette

Denn Totalitarismus verträgt weder Spaß noch Satire. Daher sind die Reaktionen auf die Aktion #allesdichtmachen entlarvend. Ich habe mich an eine Geschichte aus meiner Studentenzeit erinnert gefühlt. Ich war in den 80er Jahren auf einer Tagung und lernte dort einen Kollegen kennen, der ein Auslandsjahr in Polen gemacht hatte, damals zu totalitären Zeiten mit Solidarność-Aufstand und staatlichem Gegendruck.

Er erzählte: Systemkritiker hatten als Protest gegen die Kontrollen und Straßensperren eine tote Sau in einen Smoking gesteckt, ihr einen Hut aufgesetzt und im Auto kutschiert, bis sie an eine Straßensperre kamen. Dort verlangten die Polizisten einen Ausweis von allen. Als sich die tote Sau nicht rührte, brüllten sie sie an. Die Sau, die die Staatsmacht dermaßen missachtete, dass sie sich weigerte, ihren Ausweis vorzuzeigen, wurde schließlich handgreiflich angepackt und man wollte sie aus dem Auto zerren, bis einem der Polizisten dämmerte, dass es sich hier nicht um ein ausweisfähiges Subjekt der staatlichen Kontrolle handelte ….

Das sind also Irritationen. Sie haben konzeptuell die Funktion, fixe Denkrahmen, festgefahrene Meinungen aufzubrechen. Das Next Society Institute will solche Irritationen und neue Denkmöglichkeiten anbieten.

Vilnius – Altes und Neues

In Vilnius kann man beobachten, wie Alt und Neu aufeinanderprallen. Das betrifft die Bauten: alte Holzhäuser weichen neuen Beton- und Glaspalästen.

Abb. 5 – Holzhäuser unweit der Bushaltestelle „Sparta“ in Vilnius; im Hintergrund ein moderner Bau; auf der gegenüberliegenden Straßenseite werden gerade mehrstöckige Bürobauten errichtet

Hier habe ich auch den ersten neuheidnischen Schrein meines Lebens entdeckt. Mitten in Vilnius, auf einem Platz neben einer orthodoxen Kirche. Er wurde 2012 eingeweiht, und seither brennt dort ein Licht. Er ist offenbar einem uralten riesigen Stein im Wald ca. 40 km von Vilnius entfernt nachempfunden, der wohl den alten Balten heilig war. In ihm sammelt sich das Regenwasser, das man als heilig empfand. Nun wurde eine kleine Nachbildung in Vilnius aufgestellt. Er ist einer Gottheit namens Ragutis geweiht, der angeblich der litauische Gott des Bieres ist. Laut litauischer Botschaft ist er der Gott des Mets und zählt zu den vier Hauptgottheiten des alten Litauens (Abb. 6 – 8).

Abb. 6 – Der Schrein des Ragutis in Vilnius

Abb. 7 – Die Widmungsinschrift an der Linde neben dem Schrein

Abb. 8 – Der Ragutis-Schrein zwischen den Linden

Der Rückzug der Religion des Christentums hinterlässt ein Vakuum

Das ist für mich ein starkes ikonisches Zeichen dafür, wie sich die bislang allgemein verbreitete katholische Religion zurückzieht und ein Vakuum hinterlässt, in das neue Religionen einströmen. Litauen wurde im 13. Jahrhundert christianisiert. Nach einem ersten Erfolg der Christianisierung, wandte sich der nächste Herrscher aus taktischen Gründen wieder der alten heidnischen Religion zu, und Fürsten, die sich ihm widersetzten, bekamen Probleme. Drei, die diese Rückwendung zum Heidentum nicht mitmachten, wurden gefoltert und aufgehängt. Sie wurden als Heilige verehrt und ihre Leichname durch alle Wirrungen der Geschichte inkl. der sowjetischen Besetzung hindurch versteckt und aufbewahrt. Heute sind sie in einem Glasschrein in der orthodoxen St. Nikolauskirche aufgebahrt.

Religion hat ein wichtiges identitätsstiftendes Moment. Die Anhänger einer Religion fühlen sich zusammengehörig. Oftmals positionieren sie sich gegen die „Anderen“, die dann als Barbaren, Heiden, Esoteriker oder sonst was bezeichnet, dadurch abgewertet und nicht selten zum Abschuss freigegeben werden. Aber Religionen erzeugen auch Märtyrer. Das sind die, die für die neue Ideologie bereit sind, ihr Leben oder ihre Freiheit zu lassen. Die drei litauischen Märtyrer Nikolaus, Johannes und Eustachius brachten durch ihr Opfer den König, der sie auf dem Gewissen hatte, dazu, sich wieder zurückzubesinnen und als christlicher Mönch sein Leben zu beenden. Das besiegelte den Sieg des Christentums über die alten Religionen in Litauen.

Die neuheidnische szientistische Religion: ihre Rituale, Bekenntnisse, Bibeln

Die neuheidnische szientistische Religion hat auch ihre Märtyrer, die zunächst unerkannten Helden der Wissenschaft, deren Opfer und Leiden dann auch entsprechend gerahmt werden müssen. Galileo zum Beispiel, der in Tat und Wahrheit weniger litt, als man gemeinhin annimmt [11, 12] und manches, was ihm zustieß, durchaus selber zu verantworten hatte; Bellarmin und die Jesuiten etwa waren ihm durchaus gewogen. Hätte er ihn in seinen Dialogen nicht als Dummerchen dargestellt, dann hätte er weniger Probleme gehabt, als dieser schließlich Papst wurde und sich revanchierte [13]. Päpste sind schließlich auch nur Menschen.

Die szientistische Religion hat ihre Rituale, Priester und Päpste: die Preisverleihungen, Ted-Talks, Editoren der hochrangigen Journals, Vorsitzende und Mitglieder der Akademien. Und sie hat ihre stillen Glaubensbekenntnisse. Dass die Materie das einzig Wirkliche ist. Dass unser Bewusstsein nur eine vom Materiellen abgeleitete Existenz hat, also vom Gehirn erzeugt wird. Dass nach dem Tod alles aus ist. Dass es keine finale Gerechtigkeit und damit keine transzendente Verankerung von Moral geben kann. Die 10 Gebote werden dadurch soziale Konvention. Daher ist das moralisch, was wir dazu erklären. Das kann sich ändern, wie wir wissen.

Sie hat ihre Bibeln. Steven Pinkers Buch „Enlightenment Now“, ist eine davon [14]. Ich habe das in einem Review-Essay näher beschrieben [15]. Sie hat ihre Missionare. Bill Gates ist einer davon. Er beschreibt Pinkers Buch als „my new most favourite book of all times„ (auf der Penguin Taschenbuchausgabe). Die Brights-Bewegung ist eine andere Gruppe, die lt. ihrer Selbstbeschreibung im Internet die Religionen von ihren angestammten privilegierten Plätzen in unserer Gesellschaft verdrängen und die naturalistisch-wissenschaftliche Weltanschauung an ihren Platz setzen will. Das ist ein anderer Begriff für das, was ich oben neuheidnischen Szientismus genannt habe. Ich habe diese Zusammenhänge vor einer Weile in einem Aufsatz dargestellt [16].

Die Denkhaltung, die sich hinter dem Szientismus verbirgt, ist im Grunde totalitär, auch wenn sie sich nach außen modern und aufgeklärt gibt. Denn sie fordert ein, dass es nur eine klar erkennbare Wahrheit und eindeutig aus ihr ableitbare Handlungsmaxime gibt. Und sie ordnet alle sozialen, wissenschaftlichen und politischen Diskurse dem Primat einer naturwissenschaftlichen Denkweise unter.

Sie kommt im Gewand des Neuen daher. Sie ist aber im Grunde alt-neu, neu-heidnisch eben. Sie dreht das Denkrad der Geistesgeschichte und das Devotionsrad der Religionsgeschichte zurück in voraufklärerische und vorchristliche Zeiten.

Das Neue? Mystik für alle?

Was wäre das Neue? Die christlichen Religionen, so wie sie sich präsentieren, sind offenbar dabei, den Stab abzugeben, zumindest in unserer europäischen Kultur. Das Christentum verliert an Kraft und Überzeugung nicht zuletzt deswegen, weil viele ihrer Vertreter selber implizit, und vermutlich, ohne dass sie es merken, dieser neuheidnisch szientistischen Religion, der wissenschaftlichen Weltanschauung anhängen. Das einfache Ersetzungsnarrativ der alten Religion durch die neue, säkulare Weltanschauung ist zu billig, das hat Charles Taylor überzeugend und eindrucksvoll dargelegt [17].

Eine spirituell erneuerte christliche oder andere religiöse Kultur, in der gewissermaßen „Mystik für alle“ zum Standard wird, das wäre eine Alternative. Mein alter Kartäusermystiker Hugo de Balma, den ich übersetzt habe, hatte so etwas schon 1270 ungefähr vor Augen [18]. Das ist bis heute nicht Wirklichkeit geworden und ist eine kühne Zukunftsvision, die ich persönlich sehr sympathisch finde. Auch die östlichen Religionen und der mystische Islam haben eine solche Vorstellung.

Mystik ist inhärent anarchistisch. Sie lässt sich nichts vorschreiben, von nichts und niemandem, sondern wer ihr folgt, folgt seinem inneren Kompass. Früher hieß das „Gewissen“. Mystik ist inhärent innovativ. Denn sie versucht dem „Geist“ Raum zu geben, der bekanntlich weht, wo er will. Und daraus können sich völlig neue, ungeahnte Wege ergeben. Das hat übrigens dieser Pfad mit echter und guter Wissenschaft gemeinsam. Denn eine mystisch vermittelte Einsicht, eine innere spirituelle Erfahrung, ist der Struktur nach sehr ähnlich mit einer intellektuell-wissenschaftlichen Klarsicht, wie ich in meinem vorletzten Blog erläutert habe.

Eine intellektuell-wissenschaftliche Alternative ist multipolares Denken, das sich eben weigert, einem vermeintlich wahren, alternativlosen wissenschaftlichen Narrativ auf den Leim zu gehen. Das ist ein Denken in multiplen Möglichkeiten und verschiedenen Szenarien und Denkräumen. Dieses Denken ist sich, ähnlich wie ein spirituell-religiöser Mensch, der Tatsache bewusst, dass wir nie die Wahrheit halten können und daher die Möglichkeiten, die Wege, die Ausdrucksformen anderer achten sollten. Ähnlich wie die Mystikerin wird ein solcher Denker immer für Irritation sorgen, weil er oder sie die vermeintlichen Wahrheiten hinterfragt und neue Perspektiven beisteuert, die totalitären Dogmatismus aufbrechen. Die unbedingte Offenheit des Diskursraumes ist die Arena dieses Denkens.

Wie sagte ein buddhistischer Patriarch, als er nach der Essenz des Weges gefragt wurde: „Alles Weite. Nichts von Heilig.“

Quellen und Literatur

  1. Luhmann N. Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt: Suhrkamp; 1984 1984.
  2. Walach H. Beyond a Materialist Worldview: Towards an Expanded Science. London: Scientific and Medical Network; 2019.
  3. Walach H. Psychologie: Wissenschaftstheorie, philosophische Grundlagen und Geschichte. 5. überarb. Aufl. ed. Stuttgart: Kohlhammer; 2020, orig. 2005 2005.
  4. Quigley C. The Evolution of Civilization: An Introduction to Historical  Analysis. New York: Macmillan; 1961.
  5. Mausfeld R. Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Demokratie und unsere Lebensgrundlagen zerstören. Frankfurt: Westend Verlag; 2018.
  6. Walach H, Klement RJ, Aukema W. The risk-benefit ratio of Covid-19 vaccines: Publication policy by retraction does nothing to improve it. Clinical and Translational Discovery. 2022;2(1):e35. doi: https://doi.org/10.1002/ctd2.35.
  7. Walach H, Klement RJ, Aukema W. The Safety of COVID-19 Vaccinations — Should We Rethink the Policy? Science, Public Health Policy, and the Law. 2021;3:87-99. https://www.publichealthpolicyjournal.com/general-5
  8. Walach H, Ofner M, Ruof V, Herbig M, Klement RJ. Why do people consent to receiving SARS-CoV2 vaccinations? A Representative Survey in Germany. Research Square. 2022. doi: https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-1216502/v1.
  9. Harari YN. Homo Deus. A Brief History of Tomorrow. London: Vintage; 2017.
  10. Gates B. How to Avoid a Climate Disaster. The Solutions We Have and the Breakthroughs we Need. London: Allen Lane; 2021.
  11. Shea WR, Artigas M. Galileo Galilei. Aufstieg und Fall eines Genies. Aus dem Englischen von Karl H. Nicolai. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft; 2006.
  12. Numbers RL, editor. Galileo Goes to Jail and Other Myths about Science and Religion. Cambridge, MA: Harvard University Press; 2009.
  13. Fischer K. Galileo Galieo. Biographie seines Denkens. Stuttgart: Kohlhammer; 2015.
  14. Pinker S. Enlightenment Now: The Case for Reason, Science, Humanism, and Progress. London: Penguin; 2018.
  15. Walach H. Schöne neue Welt? Ein Essay über Steven Pinker (2018) Enlightenment Now. Aufklärung und Kritik. 2019;26(2):196-208.
  16. Walach H. Kulturkampf 2.0: Wie deuten wir die Welt und wer ist maßgeblich. Zeitschrift für Anomalistik. 2021;21(1):185-94.
  17. Taylor C. A Secular Age. Cambdrige, Ma: Harvard University Press; 2007.
  18. Hugo de Balma. Die Wege nach Sion trauern: Viae Sion lugent, auch überliefert unter dem Titel „Mystische Theologie“. Übersetzt, eingeleitet und erläutert von Harald Walach. Münsterschwarzach: Vier Türme Verlag; 2017.