Harald Walach zur Verleihung von „Das Goldene Brett“ 2012

Portrait Prof. Harald Walach
Print Friendly



Dankesrede von Harald Walach zur Verleihung von „Das Goldene Brett“

Versammelte Gemeinde, werte Jury,

ich bedanke mich von Herzen für die Ehre, heute diesen bedeutsamen Wissenschaftspreis entgegen nehmen zu dürfen. Der Nobelpreis wäre mir lieber gewesen, das gebe ich offen zu, aber „Das Goldene Brett“ ist die zweitbeste Wahl, kommt der Preis doch von der zweitwichtigsten Kommission zur Beurteilung guter Wissenschaft nach dem Nobelpreiskomitee.

Was mich wirklich bewegt: eine kritische Sichtung der Annahmen, mit denen wir unser derzeitiges Weltbild hochhalten.

Dass Sie mir diese Ehre erweisen, zeigt mir: Meine Botschaft kommt an. Endlich fühle ich mich verstanden, in der Tiefe. Sie haben nämlich als Erste, vielleicht sogar als Einzige, verstanden, was mich wirklich bewegt – und das rührt mich: nämlich eine Erweiterung unseres Begriffes von Rationalität, eine Erweiterung unseres Begriffes von Heilung und eine kritische Sichtung der Annahmen, mit denen wir unser derzeitiges Weltbild hochhalten.

Sie wissen um diese meine Bemühungen und honorieren sie mit der heutigen Auszeichnung: Denn weder glaube ich, dass unser derzeitiger Begriff der Rationalität ausreichend ist, noch meine ich, dass wir wirklich verstanden haben, wie Heilung funktioniert und schon gar nicht ist unser sog. „wissenschaftliches Weltbild“ ausreichend, weder als Weltbild, noch was das Adjektiv „wissenschaftlich“ angeht. Und weil Sie eben genau verstanden haben, dass dies meine Anliegen sind, genau darum fühle ich mich geehrt, Wien als Sieger dieses edlen Wettstreites zu verlassen.

Dass sich meine Interpretation dessen, was Spiritualität ausmacht, gegen die beinahe 2000jährige Definitionsmacht der katholischen Kirche durchgesetzt hat, erstaunt mich selber.

Besonders bin ich davon beeindruckt, dass ich sogar seine Heiligkeit den Papst im Rennen ums Finale ausgestochen habe. Das zeigt mir: meine Aufforderung, Spiritualität zu säkularisieren, im Rahmen der Wissenschaft zu diskutieren und zum Bestandteil einer erweiterten Form der Rationalität zu machen ist angekommen. Dass sich meine Interpretation dessen, was Spiritualität ausmacht, gegen die beinahe 2000jährige Definitionsmacht der katholischen Kirche durchgesetzt hat, erstaunt mich selber. Das hätte ich nicht von mir gedacht.

Aber Sie zeigen mit dieser Auszeichnung: Sie haben verstanden, dass der alleinige Zugriff auf die Welt durch die äußere Erfahrung, wie sie uns die Naturwissenschaften seit etwa 600 Jahren ermöglicht, nicht ausreichend ist. Vielmehr muß sie durch innere Erfahrung, genauer gesagt durch wissenschaftlich systematisierte innere Erfahrungen ergänzt werden.

Welch passender Ort: Wien, die Stadt in der im Jahre 1874 Franz Brentano die Psychologie begründete mit dem Postulat, man müsse die innere Erfahrung zur Basis einer empirischen Psychologie machen (1), die Stadt, in der Brentanos Schüler Freud diese Erfahrung systematisiert hat (2), die Stadt, in der ich selbst meine zweite Promotion in Wissenschaftsgeschichte über die Tradition der mystischen inneren Erfahrung vorgelegt habe, in welcher ich den mittelalterlichen Mystiker Hugo de Balma übersetzt und historisch verortet habe (3), ziemlich genau 100 Jahre nachdem Brentano die Stadt entnervt mit seinen „letzten Wünschen an Österreich“ verließ, genau hier wird wiederum, zeitnah und mit bekanntem Pioniergeist, dieser mein Vorstoß anerkannt.

Fast bin ich versucht, von einer Bewegung des Weltgeistes zu sprechen, der Sie gepackt und zum Instrument eines großen Wurfes gemacht hat, so es ihn denn gibt.

Fast bin ich versucht, von einer Bewegung des Weltgeistes zu sprechen, der Sie gepackt und zum Instrument eines großen Wurfes gemacht hat, so es ihn denn gibt. Und so freue ich mich allen Ernstes über die Ehre, den diesjährigen Preis als Trophäe heimtragen zu dürfen! Dass Sie mir diesen Preis verleihen zeigt auch, dass endlich wer begriffen hat: unser derzeitiges wissenschaftliches Weltbild ist zu eng.

Und Sie haben verstanden: es ist mein Anliegen, es zu erweitern. Wenn das, was ich zu diesem Thema bis jetzt vorgelegt hätte, nicht stichhaltig und herausfordernd genug gewesen wäre, dann hätten Sie sich nicht die Mühe gemacht, die Intelligenz ihrer Gemeinde und der Jury zu bemühen. Dass Sie das getan haben zeigt: meine Bemühungen tragen Frucht. Dies wiederum freut mich. Denn ich hatte noch nie so treue Leser meiner Texte, noch nie so gründliche Kenner meiner Gedanken wie Sie, und Sie tragen sie nun in die Welt. Das finde ich wunderbar.

Sie verkünden es allen: das naturwissenschaftliche Weltbild ist erweiterungsbedürftig, sagt Walach. Die derzeit gültigen Methoden sind gut, aber vielleicht nicht alles. Die Erkenntnisse, die wir haben, sind richtig, aber nicht endgültig. Das Wissen, das wir besitzen ist reich, aber nicht vollständig. Unsere Fähigkeit, Kranke zu behandeln und zu heilen ist gewachsen, aber stark verbesserungsbedürftig und verbesserungsfähig.

Ich befasse mich mit meiner Arbeitsgruppe genau mit solchen Fragen. Sie wissen das, Sie haben das untrügliche Gespür für das Richtige, Wahre und Gute, und Sie handeln danach, indem Sie mich ehren: danke. Ich bedanke mich für die operative Unterstützung, für die Werbung und die PR-Arbeit, die Sie für mich leisten.

Sie verkünden es allen: das naturwissenschaftliche Weltbild ist erweiterungsbedürftig, sagt Walach

Verleihung des Komplementärpreises „Die Silberne Schere im Kopf“

Und zum Schluß darf eines nicht fehlen: ich würde mich gerne revanchieren mit der Verleihung eines komplementären Preises, nämlich mit der Verleihung der „Silbernen Schere im Kopf“, ein Preis für die besondere Fähigkeit, sich gegen Informationen zu immunisieren, die der eigenen Weltanschauung zuwider laufen und überhaupt nur solche Informationen zur Kenntnis nehmen zu müssen, die die eigene Überzeugung stützen. Die Grundlage dafür kennen Sie wahrscheinlich: sie besteht neurobiologisch in der von Raichle so benannten „dunklen Energie des Gehirns“, die er 2006 in „Science“ publiziert hat (4). Etwa 98% unserer Gehirnaktivität sind damit beschäftigt, interne Informationen zu verarbeiten, und der Rest moduliert die von den Sinnen kommenden Informationen.

Das heisst: wir sind Wirklichkeitskonstruktionsmaschinen, die permanent die Schere im Kopf anwenden und diejenigen Informationen ausfiltern, ignorieren, aktiv unterdrücken oder gar nicht erst zur Kenntnis nehmen, die unserer internen Rekonstruktion der Wirklichkeit zuwiderlaufen. Auch das hat Freud bereits vor über hundert Jahren gesehen, und genau daher ist auch Wien der geeignete Ort für die Übergabe dieses Preises.

Die „Silbernen Schere im Kopf“: ein Preis für die Gabe, sich gegen Informationen zu immunisieren, die der eigenen Weltanschauung zuwider laufen

Wir sehen vor allem, was wir kennen – und erkennen nur das, was wir erwarten. Der neue Preis, die „Silberne Schere im Kopf“, soll diese Fähigkeit herausheben. Sie geht an diejenige Person oder Einrichtung, die es perfektioniert hat, unser Weltbild zuzurichten und die Immunisierungsstrategie so zu vollenden, dass das Ergebnis sogar bei manchen unbedarften Gemütern als Maßstab für Wissenschaft durchgehen kann.

Dieses Jahr möchte ich diesen Preis an Herrn Dr. Klaus Ramstöck verleihen, der ja als mutmasslicher Gründer und Betreiber von Esowatch – neuerdings Psiram – perfekt vormacht, wie dies funktioniert. Herr Ramstöck kann allen ein Vorbild sein. Denn nicht nur hat er es geschafft, sein eigenes Weltbild mit Hilfe der Schere im Kopf sauber zu halten, er schafft es auch, sie nichtlokal – nämlich mit Hilfe seiner Webmaschinerie – in die Köpfe von Multiplikatoren zu teleportieren und sie so zu vermehren. Alle Achtung, und Hut ab, Herr Ramstöck. Herzlichen Glückwunsch! Sie sind der erste und würdigste Preisträger dieses innovativen Preises.

Zum Abschluß noch ein paar Worte zur Psychohygiene der „Schere im Kopf“: Wir alle müssen uns hüten, vor Informationen überflutet zu werden, die unser Weltbild bedrohen, die uns gefährlich werden können, oder die gar eine Aufforderung zur Veränderung beinhalten. Hierzu gibt es ein probates Mittel: Immer nur bei den gleichen Quellen nachlesen – ad fontes, zu den Quellen, dort wo das Lebenswasser der Erkenntnis sprudelt – zu den Foren und Blogs von Psiram und anderen Organen der Skeptikerbewegung.

Und, ganz wichtig, möglichst viel des immer Gleichen lesen. Das erhöht die Lesegeschwindigkeit, die Zufriedenheit und die Sicherheit. Und auf keinen Fall abschalten! Ja, nicht hin und wieder mal eine halbe Stunde pro Tag nichts tun, nur beobachten, sich selbst und den Atem – eine Art „Zähneputzen fürs Gehirn“. Das ist nichts für Sie, denn Sie sind ja „rational“. Sie brauchen das nicht, möglicherweise wäre eine Meditationsübung auch gefährlich – und ich muss Ihnen daher wegen der zu erwartenden ernsten Nebenwirkungen dringend abraten: Besinnung, Achtsamkeit, Meditation könnte Sie in Ihrer Sicherheit und Behaustheit in der Welt erschüttern, ja sie kann sogar zur Psychose führen, wie Edzard Ernst nicht müde wird zu betonen. Ernst-haft! Daher Finger weg und: weiter so!

Harald Walach

  1. Kraus O: Franz Brentano: Zur Kenntnis seines Lebens und seiner Lehre. München, Beck, 1919.
  2. Merlan P: Brentano und Freud. Journal of the History of Ideas 1945:375-377.
  3. Walach H: Notitia experimentalis Dei – Erfahrungserkenntnis Gottes. Studien zu Hugo de Balmas Text „Viae Sion lugent“ und deutsche übersetzung. Salzburg, Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Salzburg, 1994.
  4. Raichle ME: The brain’s dark energy. Science 2006;314:1249-1250.

Medienecho

http://derstandard.at/1350259506356/Brettl-vorm-Kopf-Hackl-im-Kreuz

http://www.reiter.priv.at/home.php?il=35&l=deu

http://schindlers.at/2012/10/27/brettl-vorm-kopf-hackl-im-kreuz/

http://gwup-skeptiker.blogspot.de/2012/10/goldenes-brett-idiotentest-fur.html

http://gwup-skeptiker.blogspot.de/2012/10/aggressiver-atheismus-von-der.html

http://sixtus.cc/meine-laudatio-fur-harald-walach-beim-goldene

http://www.springermedizin.at/artikel/31314-wir-haben-nichts-mit-esoterischem-irrglauben-zu-tun