Heiße Luft von Markus C. Schulte von Drach

Portrait Prof. Harald Walach
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Das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass die Komplementärmedizin, die Homöopathie zumal, so wichtig ist, dass die SZ online ihr gleich zwei Seiten widmet (*), um eine weitere Ausbreitung der Unheilslehre zu verhindern. Ich dachte, nach allem was man in den letzten Jahren so lesen konnte, sie wäre tot, wissenschaftlich erledigt und ohnedies nur von Randständigen benützt, von Unverbesserlichen und irrationalen Esoterikern, deren es ja nur ganz wenige in unserer aufgeklärten Welt gibt. Weit gefehlt. Anscheinend ist die Gefahr, dass die Welt von der „Wahnsinnslehre Komplementärmedizin“ in den irrationalen Abgrund gezogen wird so groß, dass man richtig ins Horn blasen muß, um die Geister der Vernunft zu den Fahnen zu rufen.

Das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass die Komplementärmedizin, die Homöopathie zumal, so wichtig ist, dass die SZ online ihr gleich zwei Seiten widmet

Was ist geschehen? In Zürich wird gerade der Lehrstuhl für Naturheilkunde neu vergeben. Er war vom Zürcher Volk vor vielen Jahren geschaffen und seit dieser Zeit von Prof. Reinhard Saller, einem kenntnisreichen Phytotherapie-Forscher und Arzt besetzt. Dass dieses Wirken segensreich war und die Stelle daher weiterbestehen sollte, stellte offenbar eine Strukturkommission fest, so dass sie wieder ausgeschrieben wurde. Dazu gab es ein offizielles Ausschreibungsverfahren, eine ganz Reihe von Bewerbern, von denen fünf ausgewählt und eingeladen wurden öffentlich und intern vor der Kommission ihre Forschungen und Vorstellungen vorzutragen. Soweit ein ganz gewöhnlicher Vorgang.

Was allerdings extrem spannend, ja sogar ganz unerhört ist, weil noch nie dagewesen, jedenfalls nicht, seit ich in der Universitätslandschaft bin, also ca. sicher nicht die letzten 25 Jahre, ist die Tatsache, dass über öffentliche Kanäle über diese – an sich internen und auch vertraulichen – Vorgänge berichtet wird. Oder haben Sie schon mal gehört, dass die SZ, die Welt oder FAZ ausführlich kommentiert hätte, dass einer der Kandidaten, die, sagen wir mal, in Bielefeld, in Bayreuth, oder Bremen auf einem Listenplatz für eine Professur für Kunstgeschichte, Japanologie oder Archäologie des Altertums war, ungeeignet sei? Nein? Na, eben. Wann berichtet eine Zeitung? Wenn sie meint, einen Skandal zu riechen oder aufdecken zu müssen. Was ist der vermeintliche Skandal? Stellen Sie sich vor: eine Kandidatin hat schon mal die eine oder andere Studie zu Homöopathie gemacht! Ist das nicht unerhört! Homöopathie! Wo doch heute jeder SZ-Redakteur, ja sogar jeder Bild-Redakteur, ja sogar jedes Kind weiß, daß die Homöopathie nicht wirken kann, weil nix drin ist, selbst wenn manche sitzengebliebenen Altgestrige wie unsereiner das zwischendurch mal in Zweifel ziehen.

Wann berichtet eine Zeitung? Wenn sie meint, einen Skandal zu riechen oder aufdecken zu müssen.

Frau Prof. Claudia Witt, eine der fünf Kandidat(inn)en, hat nämlich einige Studien zum Thema Homöopathie gemacht – durchaus auch kritische Studien übrigens. Dieser Sachverhalt hat ein Kommissionsmitglied, Prof. Edzard Ernst, offenbar dazu bewogen, innerhalb der Kommission seine Meinung zu äußern, dass eine solche Art von Forschung eine Kandidatin disqualifizieren würde, weil sie sich nicht zur kritischen Sichtung eignen würde. Das ist nichts besonderes. In jeder Kommission, bei der es um Lehrstuhlbesetzungen geht, gibt es Dissens und Minderheitenvoten. Die werden dann zu Protokoll gegeben und bei den weiteren Berufungsprozeduren mehr oder weniger stark berücksichtigt.

Was aber etwas besonderes ist, ist die Tatsache, dass Prof. Ernst es offenbar nicht akzeptiert, dass die Mehrheit sich nicht seiner Meinung anschließt. Er ging damit an die Öffentlichkeit, und das ist ein ziemlich ungewöhnlicher, ja eigentlich ein unerhörter Vorgang. Denn die Besprechungen in solchen Kommissionen sind nicht umsonst unter dem Vorbehalt der Vertraulichkeit. Wäre das nicht so, könnte ja jeder über gezielte Indiskretionen und über öffentliche oder halböffentliche Kanäle Einfluß auf die Entscheidungsfindung nehmen. Und genau das ist hier geschehen. Ernst äusserte seine Meinung öffentlich – und erhält Schützenhilfe von einem Journalisten, Markus C. Schulte von Drach, der sich gleich befleißigt diese Meinung zu seiner Sache zu machen. Mit viel Luft und Entrüstung wird auch ein richtig großer Luftballon draus.

Mit viel Luft und Entrüstung wird auch ein richtig großer Luftballon draus.

Nun hat der Züricher Dekan eine kleine Nadel an den Ballon gehalten und ihn zum Platzen gebracht: Er hat Ernst nahegelegt, aus der Kommission auszutreten, genauer gesagt, wenn Ernst nicht selber gegangen wäre, hätte man ihn entlassen müssen. Denn Bruch der Vertraulichkeit von Verhandlungsprozedere in solchen Kommissionen ist weltweit kein Kavaliersdelikt, wie der SZ-Artikel glauben machen will.

Interessant ist, dass hier ein Muster bedient wird, das schon mal aufgefallen ist: Als in England der Smallwood-Report im Kreis der Gutachter diskutiert wurde, ging Ernst auch an die Öffentlichkeit, bevor die Verhandlungen abgeschlossen waren und erhielt eine scharfe öffentliche Rüge vom Lancet-Editor Richard Horton (siehe Der „Andere Edzard Ernst“, Punkt 4).

Später wurde daraus der Mythos von der „Verfolgung des armen Prof. Ernst durch die böse CAM-Lobby, angeführt von Prince Charles“ inszeniert – ganz als ob Richard Horton irgend etwas mit Komplementärmedizin am Hut hätte. Tatsächlich jedoch hatte er lediglich die Ethik und Integrität der Begutachtung im Blick. Genau das gleiche passiert nun hier.

In diesem Fall wird der Mythos armen Ernst von seinem ideologischen Freund Schulte von Drach geschaffen

In diesem neuerlichen Fall wird der Mythos armen Ernst von seinem ideologischen Freund Schulte von Drach geschaffen, der als mutmaßliches Mitglied, sicherlich aber Sympathisant der Skeptikergruppe GwUP, deren gefeierter Held Edzard Ernst auf ihren Blogs ist, ihm ein Forum bietet. Das sieht mir nicht nach unbefangenem Journalismus aus, sondern ist Schützenhilfe bei der Beeinflussung von Kommissionsentscheidungen über öffentlichen Druck, um einer unliebsamen Kandidatin das Wasser abzugraben. Das hat nichts mit dem Auftrag der Medien zu tun, die Öffentlichkeit über Sachverhalte und Geschehnisse aufzuklären, sondern ist ein Versuch, Wirklichkeit zu schaffen durch die Definitionsmacht öffentlicher Präsenz. Dies ist das eigentlich unerhörte an diesem Vorgang.

Abgesehen davon, dass dieser Vorgang an sich unerhört ist, enthält der Artikel auch einige bemerkenswerte Fehler, die zeigen, dass der Autor Schulte von Drach entweder nicht sorgfältig recherchiert hat, unsauber denkt – oder gar absichtlich falsche Meinungen transportiert:

Fehler Nummer 1: Zürich ist nicht der einzige öffentlich finanzierte Lehrstuhl für Komplementärmedizin. Auch in Bern gibt es einen. Auch den in Witten-Herdecke könnte man als solchen bezeichnen.

Fehler Nummer 2: Claudia Witt wird vorgeworfen, sie habe gesagt, es sei nicht abschliessend geklärt ob Homöopathie wirksam ist oder nicht. Daraus wird der Vorwurf, sie hielte eine Wirksamkeitsnachweis für möglich bzw. schließe sich nicht der allgemeinen Mehrheitsmeinung an, die Unwirksamkeit der Homöopathie sei geklärt.

Hier schleicht sich wieder ein alter Denkfehler ein: Der Mangel an Beweisen von Wirksamkeit ist nicht der Erweis der Unwirksamkeit, auch wenn noch so viele echte oder falsche Experten dieser Meinung sind.

Wenn man so argumentiert, dann müsste man 89% der Kardiologie (1) und 93% (2) der Onkologie als unwirksam aussortieren. Denn nur 7% der onkologischen (2) und 11% der kardiologischen Verfahren (1) sind von absolut gesicherten Daten gestützt. Alles andere ist mehr oder weniger gut gesichert, manches gar nicht.

Der Mangel an Beweisen von Wirksamkeit ist nicht der Erweis der Unwirksamkeit

Bleibt noch der Vorwurf, Claudia Witt wäre Mitglied in der Strukturkommission gewesen, die die bisherigen Meriten der Naturheilkunde in Zürich und ihre Zukunft bewerten sollte. Diese Kommission bereitete die Ausschreibung vor. Ich kann nichts Verwerfliches darin erkennen, dass sich ein ehemaliges Mitglied der Strukturkommission auf die durch die Kommission definierte Stelle bewirbt. Sieht man sich den Ausschreibungstext an, dann ist der genau nicht so formuliert, dass man erkennen könnte, da habe sich ein Mitglied der Kommission einen Text auf den Leib geschneidert. Da ist nicht von Homöopathie die Rede, sondern von Breite und exzellenter Forschung. Wenn ein Interessenskonflikt bestanden hätte, so hätte man davon ausgehen können, dass sowohl Ernst als Mitglied der Kommission als auch andere Kommissionsmitglieder, die ja die Vorgänge kannten, im Vorfeld die Bewerbung von Frau Witt aussortiert hätten. Im übrigen ist das ein scheinheiliges Argument: überall werden Ausschreibungstexte so formuliert, dass geeignete Kandidaten, deren Bewerbung man einladen will, sich aufgefordert fühlen dies zu tun.

Was bleibt also? Viel heiße Luft in einen Ballon geblasen. Was mit solchen Ballons passiert wissen wir. Sie platzen entweder oder gehen hoch in die Atmosphäre, und sinken dann irgendwann mal ab, im Bayrischen Wald beispielsweise, bleiben an einer Tanne hängen, die dann irgend ein Sturm mal umreißt, und dann findet, in 10 Jahren vielleicht, ein Kind einen kleinen Lufballon mit einer Karte auf der steht: bitte an den Absender zurück. Liebe Grüße, Dein Markus C. Schulte von Drach. Ob sich der dann noch an den Luftballon erinnert, den er seinerzeit hat steigen lassen? Vielleicht. War ja ein großes Ereignis.

  1. Tricocci, P., Allen, J. M., Kramer, J. M., Califf, R. M., & Smith Jr, S. C. (2009). Scientific evidence underlying the ACC/AHA clinical practice guidelines. Journal of the American Medical Association, 301, 831-841.
  2. Poonacha, T. K., & Go, R. S. (2010). Level of scientific evidence underlying recommendations arising from the National Comprehensive Cancer Network clinical practice guidelines. Journal of Clinical Oncology, 29, 186-191.



(*) P.S.:
Wenn Sie übrigens im Originalartikel der SZ den allerersten Link zum Thema Komplementärmedizin weiterverfolgen, so führt dieser zur Webseite PSIRAM, einem anonymen und damit gegen das deutsche Medienrecht verstoßenden Pranger. Ob das Absicht war oder ein Freudscher Verlinker ist nicht überliefert, zeigt aber, wo Herr Schulte von Drach seine Informationen bezieht bzw. wo er sich geistig und ideologisch beheimatet fühlt. Ist das neutrale Bericht-Erstattung, frage ich? (Oben weiterlesen)