Transhumanismus: Mein Buch auf Deutsch

Mein Transhumanismus-Buch ist auf Deutsch erschienen

Vor ziemlich genau zwei Jahren hatte ich ein langes Essay über Transhumanismus publiziert. Es fasst zusammen, was ich in meinem Transhumanismusbericht an die Galileo-Kommission des Scientific and Medical Networks als Online-Buch geschrieben habe. Dieser Transhumanismusbericht ist in seiner englischen Originalversion kostenfrei als PDF erhältlich.

Für diejenigen, die lieber auf Deutsch lesen oder gerne ein Buch zum Nachschlagen haben, habe ich die Übersetzung des Textes jetzt in unserem Genossenschaftsverlag Discorso publiziert. Man kann es online bestellen.

Es kostet 29,80 €, hat 302 Seiten, kommt im harten Einband und mit Einmerker-Bändchen. Man kann über Vorkasse (PayPal, Kreditkarte) oder auf Rechnung bestellen. An Kunden aus der Schweiz liefern wir versandkostenfrei, wir sind schließlich eine Schweizer Genossenschaft. Alle anderen bezahlen einen Obolus für den Versand. Wir beliefern auch Buchhändler.

Die Vorteile des Buches sind vor allem, dass man haptisch blättern kann, dass es nicht gelöscht werden kann und dass man die Referenzen leichter nachschauen kann.

Wer sich über den Inhalt etwas informieren will, findet in dem oben erwähnten Blogtext ein Précis, eine Kurzversion. Allerdings sind in dem Buch noch einige andere Themen bearbeitet, die ich im Blog-Text nicht einfach übernehmen konnte.

Ich gehe in acht Kapiteln schrittweise vor:

Zuerst stelle ich das Thema vor.

Dann diskutiere ich in Kapitel 2 die theoretischen Grundlagen: den Szientismus, also den Glauben an die Naturwissenschaft als letzte Erkenntnisinstanz, den Unterschied zwischen Ideologie und Religion, und ich zeige, dass der Transhumanismus eine postmoderne Religion ist. Eines der Kennzeichen einer Religion ist der Verweis auf die Hoffnung. Hoffnung, so definiert ein theologisches Lehrbuch des 12. Jahrhunderts, ist die „sichere Erwartung der zukünftigen Herrlichkeit“. Genau das bestimmt den Transhumanismus als Religion. Denn wir werden in allem verwiesen auf die „zukünftigen“ Errungenschaften der Wissenschaft, die wir erwarten und erhoffen müssen. Dass wesentliche Krankheiten – wie Alzheimer, Krebs, Herzkreislaufkrankheiten – die heute zum Tod führen, durch Fortschritte der Wissenschaft besiegt werden. Denn dann wird eine Haupthoffnung des Transhumanismus eingelöst: die Abschaffung des Todes.

In Kapitel drei beschreibe ich sehr kurz das Programm des „Enhancements“, der Verbesserung des Menschen. Diese Verbesserung baut vor allem auf zu erwartende medizinische Errungenschaften, Gentechnik, Pharmakologie, Miniaturisierung, Robotik und Gehirn-Computerschnittstellen.

Ich diskutiere in Kapitel 4 auf etwa 110 Seiten einige wichtige Beispiele: Viagra, die Medikation, die als „erste transhumanistische Intervention“ bezeichnet worden ist, Antidepressiva und Ritalin als pharmakologische Beispiele von „Verbesserung“. Sie alle funktionieren, in Grenzen, wenn man es nicht übertreibt. Aber an ihnen kann man auch die Problematik erkennen: Es gibt kein „free lunch“, wie die Briten so schön sagen. Das ist nicht gut übersetzbar und meint etwas, das man komplett umsonst bekommt, ohne dass irgendein Problem damit verbunden ist. Die meisten pharmakologischen Interventionen haben einen gewissen Nutzen, der aber immer mit Kosten verbunden ist. Die monetären Kosten sind nur ein Teil davon. Nebenwirkungen sind ein anderer Teil. Meistens werden in der Kommunikation die Vorteile überbewertet, die Kosten und Nebenwirkungen hingegen unterschlagen. So funktioniert eben unsere Medienwelt. Und wenn mal Probleme häufiger werden, zieht die Medienkarawane zum nächsten spektakulären Ereignis weiter und vergisst schnell.

Ich diskutiere die Transgenderproblematik anhand von Zahlen. Es zeigt sich: Die Zahl der Transgenderpersonen ist über die letzten Dekaden gewachsen. Warum, ist unklar. Ich vermute mit einigen anderen, dass es mit dem Verbreiten von endokrin wirksamen Substanzen in die Umwelt zusammenhängt, sog. endokrinen Disruptoren. Sie kommen nicht nur in den aktiv hormonellen Produkten vor, wie etwa den Antibabypillen, die über Abwasser am Ende auch in unser Trinkwasser gelangen. Sie kommen in vielen industriellen Produkten – Plastikflaschen, Pflanzenschutzmittel, etc. – vor. Vermutlich ist also die ganze Transgendermaschinerie eine Verlagerung des Problems von der industriellen Verschmutzung unserer Umwelt hin zu einem vermeintlich sozialen Problem. Dass das auch noch eine Rolle spielt, ist klar. Aber es ist interessant zu sehen, wie aktive Transhumanisten gleichzeitig die Transgenderforschung und den damit verbundenen Aktivismus finanzieren. Hier zeigt sich nämlich das transhumanistische Credo sehr deutlich: Wir sind Gott und können machen, was wir für gut befinden, und wenn wir unser Geschlecht anders haben wollen, dann tun wir das eben.

Ich interpretiere die COVID-19-„Impfungen“, die ja gentechnologische Präventionsinterventionen waren, als den großen transhumanistischen Sündenfall: Denn hier wurde zum ersten Mal eine gentechnologische Intervention am Menschen im großen Stil verbreitet und von ca. 70 % der Menschen in der westlichen Welt akzeptiert. Die treibende Kraft dahinter dürfte vor allem die implizit bereits weitverbreitete Ideologie des Szientismus und Transhumanismus sein, die viele Akteure verbindet. Auch hier sieht man: Diese Interventionen waren weniger hilfreich, als die Propagandamaschinerie verkündete.

Das führt mich zur Diskussion von Gentechnik für Menschen insgesamt. Um das transhumanistische Versprechen der Verbesserung des Menschen einzulösen, muss man nämlich hauptsächlich gentechnisch vorgehen. Das geht über gentechnische Zelltherapie, so wie bei den mod-RNA-Spritzen. Oder über Eingriffe in die Keimbahn. Das macht In-vitro-Befruchtung, also künstliche Befruchtung im Glas, zur Voraussetzung. Ich zeige an einigen konkreten Beispielen, wie hilfreich – oder auch nicht – das ist: Zelltherapie funktioniert in Grenzen bei solchen Krankheiten wie Sichelzellanämie und Thalassämie, bei denen man eine Punktmutation kennt, also bei denen nur ein verändertes Gen bekannt ist und bei der man die Stammzellen gentechnisch verändern kann. Selbst hier ist ein solcher Eingriff nicht unproblematisch, weil er mit enormen Nebenwirkungen und Kosten verbunden ist. Bei Mukoviszidose oder zystischer Fibrose, einer anderen genetisch fixierten Erkrankung, ist der Erfolg bescheiden, obwohl man den Genort seit über 20 Jahren kennt und Milliarden von Forschungsgeldern investiert hat. Das Problem ist immer: Man muss entweder über die Keimbahn gehen – also über In-vitro-Diagnostik oder Fertilisation – oder man muss die Stammzellen oder möglichst viele Endzellen erreichen.

Alle Zellen haben aber auch ein genetisches Immunsystem, das Fremdgene erkennt und abschaltet. Das transhumanistische Programm ist deshalb naiv. Denn es geht von einer völlig veralteten Vorstellung von Genetik aus, die die komplexen Schichten des Epigenoms vernachlässigt. Das ist eine äußerst dynamische Schicht aus Gen-Interaktionen mit umliegenden Proteinen, Rückkoppelungen mit sich selbst und chemischen Reaktionen, die die Aufgabe haben, die Umweltbedingungen, Lernsituationen und das Verhalten ans Genom weiterzugeben und den Ausdruck der Gene entsprechend anzupassen. Wir haben das Epigenom noch nicht mal richtig verstanden, geschweige denn, dass wir es manipulieren könnten.

Das Problem ist das veraltete Maschinenparadigma, von dem Transhumanisten ausgehen. Die meisten von ihnen sind Computerwissenschaftler, Ingenieure, Programmierer oder Philosophen, die offensichtlich zu wenig von Biologie verstehen. Sie betrachten den Organismus als Biocomputer. Und wie man einen Computer verändern, hacken, umprogrammieren kann, so auch den Körper, denken sie. Nur: Wir sind kein Biocomputer. Wir sind u. a. ein enorm komplexes dynamisches System, das sich selbst steuert, reguliert, aufbaut etc. Jeder Eingriff hat eine Gegenoperation des Organismus zur Folge, und daher ist die Metapher des Biocomputers falsch, und wer diese Metapher zur Richtschnur des Handelns macht, erntet bestenfalls nichts und schlimmstenfalls ziemliche Probleme.

Das konnte man an den Nebenwirkungen der mod-RNA-Interventionen zu COVID-19 beobachten, die ich ebenfalls diskutiere, sowie an allen anderen Nebenwirkungen von Interventionen überhaupt.

In Kapitel 5 stelle ich das transhumanistische Programm der Abschaffung des Todes vor. Ich gehe hier nicht ins Detail. Aber so viel: Selbst, wenn es verwirklichbar wäre, woran ich zweifle, wäre es nicht wünschenswert. Denn der Tod ist nicht die große Katastrophe des Lebens, sondern seine Erfüllung. Ohne Tod nichts Neues. Und wenn man das Neue wegdenkt, verliert selbst der Transhumanismus seine eigene Basis: den Motor der Evolution. Dieses und ein paar andere Argumente zeigen, dass dieses Programm selbstwidersprüchlich ist.

In Kapitel 6 widme ich mich den Gehirn-Computer-Schnittstellen. Auch diese Idee, sowie die Idee, die Persönlichkeit „herunterzuladen“ auf einen Computer, ist problematisch. Alle Implantate im Gehirn müssen damit kämpfen, dass sie immunologisch attackiert werden. Nach allem, was wir wissen, führt allein das Implantieren zu neurologischen Problemen bis zur Kompromittierung der Blut-Hirn-Schranke. Dass man das bei schweren Krankheiten wie Epilepsie oder anderen in Kauf nimmt oder pharmakologisch die Immunreaktion unterdrückt, kann man verstehen. Aber als Programm der Verbesserung? Dieses und andere Ideen zur Cyborgisierung, also zur Verbindung von technischen Systemen mit biologischen, kranken allesamt daran, dass sie die aktiv-dynamische Natur unseres Organismus missachten, neben einer Reihe von anderen Problemen.

In Kapitel 7 stelle ich eine repräsentative Befragung in Deutschland vor, die ich mit einer kleinen Skala bei 1051 Personen durchgeführt habe. Der Fragebogen stellt mit 9 Fragen einige wichtige transhumanistische Ideen vor. Der Fragebogen ist psychometrisch brauchbar. Und wir sehen: 20 %–48 % der deutschen Bevölkerung stimmen Fragen zu, die ein transhumanistisches Weltbild abbilden. Die Aussage „Gott ist tot – wir sind Gott“ wird von 20 % bejaht.

Der Transhumanismus ist also schon weiter in unsere Kultur eingedrungen, als wir denken. Vermutlich eher implizit und unreflektiert hat er die Herzen und das Denken Vieler erobert. Das führt mich zur abschließenden Überlegung:

Wollen wir das wirklich? Ich finde, wir sollten einen offenen und informierten Diskurs darüber führen, ob wir eine solche Zukunft wollen: gentechnologische Eingriffe in die Keimbahn, gentechnologische Interventionen wie mod-RNA-Impfungen, die allenthalben vor der Tür stehen, das ganze transhumanistische Religionsprogramm inclusive Genderitis und Co. Wir laufen Gefahr, unser Menschenbild, sofern wir überhaupt noch eines haben, auf die Müllhalde der Geschichte zu kippen. Vielleicht wäre es nützlich, eine Diskussion darüber zu beginnen, wie wir uns als Menschen verstehen. Sind wir einfach nur hackbare Biocomputer, wie Yuval Noah Harari schreibt [1]? Ist Wissenschaft die Religion der modernen Welt des Westens, wie Aubrey de Grey, einer der Protagonisten der Abschaffung des Todes, meint [2]? Wollen wir wirklich öffentliche Gelder in ein windiges Programm investieren, damit wir vielleicht irgendwann unsere mentalen Inhalte auf einer Festplatte mit nach Hause nehmen können, oder, Verzeihung, in der Cloud Unsterblichkeit finden? Wollen wir uns von Milliarden von Nanobots überschwemmen lassen, damit das funktioniert? Wollen wir wirklich Elon Musk den näheren Orbit zur Verfügung stellen, damit er seine 16.000 strahlenden Satelliten lancieren kann, die uns die Beglückung eines Internets der Dinge und Körper bescheren sollen, oder reichen die 7000, die jetzt schon kursieren, noch nicht? Gibt es möglicherweise doch so etwas wie einen unverfügbaren Seelenkern, der bislang unser implizites Menschenbild geprägt und das gesellschaftlich-politisch-juristische Handeln informiert hat? Oder haben wir diese unantastbare Würde des Menschen schon längst entsorgt, ohne dass es unsere wachsamen öffentlich-rechtlichen und privaten Leitmedien bemerkt hätten?

Wie genau soll unsere Zukunft aussehen? Zur breiten Diskussion dieser Frage wollte ich mit diesem Buch einen Denkanstoß und ein paar nötige Informationen liefern. Die Informationen sind mit Sicherheit nicht vollständig und ich habe manchmal sehr bewusst zugespitzt. Ich habe nur wenig über künstliche Intelligenz und Large Language Models (LLMs) geschrieben, bis auf einige wesentliche Informationen. Aber die Punkte, die ich in diesem Buch zusammengetragen habe, sollten vorläufig einmal ausreichen, um eine informierte Diskussion führen zu können. 

Literatur

  1. Harari YN. Homo Deus. A Brief History of Tomorrow. London: Vintage; 2017.
  2. de Grey ADNJ. The Natural Biogerontology Portfolio. Annals of the New York Academy of Sciences. 2007;1100(1):409-23. doi: https://doi.org/10.1196/annals.1395.046.