Überleben wir den Tod?




Der Tod, das Killervirus SARS-CoV2 und unsere kollektive Angst

Vor kurzem hat der US-amerikanische Philanthrop Robert T. Bigelow, der ein eigenes Institut betreibt, die vermutlich höchste Summe ausgelobt, die für Forschung auf dem Gebiet der Grenzgebiete, wenn nicht sogar überhaupt im Wissenschaftsbetrieb, ausgelobt wurde; nur die Nobelpreise sind meines Wissens höher dotiert. Insgesamt 1,8 Millionen Dollar soll es für einen Text geben, der unwiderruflich belegt, dass der Tod nicht das absolute Ende des Bewusstseins bedeutet. Dieser Tage findet die Preisverleihung in Las Vegas, Nevada, statt.

Bigelow ist ein Raumfahrt-Unternehmer, der früher an erdfernen Habitaten für die NASA arbeitete und immer noch viele Verträge mit allen möglichen Luft- und Raumfahrtunternehmen hat und damit sein Geld verdient. Er erlebte wohl ein eigenes Bekehrungserlebnis, so ähnlich wie der Astronaut Edgar Mitchell, der bekanntlich beim Rückflug vom Mond zur Erde die Schönheit der Erde und ihr Eingebettetsein in ein kosmisches Ganzes als ein spirituelles Erlebnis beschrieben hat, das ihn veränderte. Mitchell gründete daraufhin das „Institute of Noetic Sciences” in Petaluma, Kalifornien. So ähnlich Bigelow: Er gründete sein eigenes Institut und hat sein Geld über die Jahre für die Finanzierung von Akademikern verwendet, die ungewöhnliche Pfade betreten, etwa Charlie Tart, der sich mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen beschäftigt.

Nun hat sich Bigelow der „Survival-Forschung“ zugewandt, also jener Forschung, die versucht herauszufinden, ob menschliches Bewusstsein den Tod überlebt. Wer wissen will, was die versammelte Forschergemeinde, die sich in den letzten Jahren mit dieser Frage befasst hat, zu sagen hat, der findet die Preisträgeressays auf der Webseite von Bigelows Institut. Der erste Preis war mit 500.000 Dollar dotiert; Preisträger ist Jeff Mishlove. Der zweite Preis über 300.000 ging an Pim van Lommel, der schon 2001 die erste prospektive Studie zu Nahtoderfahrungen im Lancet publizierte [1]. Der dritte Preis war mit 150.000 Dollar dotiert. Dann gibt es eine weitere Kategorie von 11 Preisen à 50.000 Dollar und 15 Trostpreise, die immerhin auch noch je 20.000 Dollar erhielten. Nicht dass man jetzt denkt, alle haben gewonnen und einen Preis gekriegt. Nein. Es waren wesentlich mehr Einreichungen, und die Jury hatte wohl ziemlich viel Papier zu lesen.

Diejenigen, die Preise bekommen haben, gehören schon lange zu den herausragenden Forschern auf dem Gebiet. Auch mein Kollege Michael Nahm hat einen der Preise in der zweiten Kategorie erhalten, und mein ehemaliger Assistent und Kollege Andreas Sommer immerhin einen Trostpreis.

Der Preis, die Menge der Einreichungen, auch der Medienrummel drumherum zeigen, dass das Thema „Tod, Sterben, Weiterleben nach dem Tod“ hochaktuell ist. Ich würde so weit gehen und sagen: Die Tatsache, dass wir den Tod kulturell gesehen aus dem Leben verbannt haben, ist der Schlüssel, um auch das Chaos um die SARS-CoV2 Pandemie und unsere kopflose Reaktion darauf zu verstehen.

Verschiedene Äußerungen von Politikern, aber vor allem ihr Verhalten, zeigen uns: Sie – und sie stellvertretend für uns alle – fürchten den Tod mehr als der Teufel das Weihwasser. Und weil die meisten den Tod so sehr fürchten, haben Menschen immer schon Rituale entwickelt, Narrative und Geschichten, um mit dem Tod umzugehen. Lange galt in unserer Kultur das christliche Narrativ: Der Tod ist eigentlich der Übergang zu einem neuen, dem eigentlichen Leben. Je nachdem, welcher Form der Theologie man eher anhing, galt, dass dieses neue Leben, abgekürzt als „Himmel“ apostrophiert, nach einer mehr oder weniger langen Übergangs- und Läuterungszeit erreicht wird. Diese sei, so die klassische Theologie, abhängig vom moralischen Handeln eines Menschen zu Lebzeiten. In sehr ungünstigen Fällen könne auch der dauerhafte Abstieg in die „Hölle“ drohen, eine Unwelt mit großer Hitze oder Kälte, auf jeden Fall unerquicklich und unerwünscht. Dante hat in seiner „Göttlichen Komödie“ die Hölle verschiedenen Übeltätern vorbehalten: Verrätern, geistlichen Würdenträgern, die ihre Berufung verraten haben, reuelosen Mördern und Quälgeistern der Menschen, nicht zu vergessen Politikern und Fürsten, die die ihnen Anvertrauten schlecht behandelt haben, Genußsüchtigen und Zügellosen [2].

Dahinter steht natürlich die Vermutung eines moralischen Universums oder eines Gottes, der Gerechtigkeit widerfahren lässt. Denn dass Gerechtigkeit auf Erden nicht herrscht, die Übeltäter, Lügner, Betrüger, Verräter und Egoisten in der Regel weiter kommen als die anderen, dazu muss man nicht Machiavelli lesen, das sieht man relativ rasch. In anderen Kulturen hat die Annahme eines moralischen Ausgleichs die Reinkarnationslehre entstehen lassen: Jedem wird im nächsten Leben der Samen aufgehen, den er oder sie im jetzigen gesät hat [3, 4]. Wer Übel gesät hat, wird Böses ernten, und umgekehrt.

Daher ist und war die Frage nach dem Tod, und vor allem nach dem, was nach dem Tod kommt, immer eine Zentralfrage für menschliches Denken und menschliche Kultur. In der Neuzeit, vor allem ausgelöst durch Heideggers Analyse, aber vorbereitet durch viele andere Denker, ist der Mensch als Wesen, das über sein eigenes Ende Kenntnis hat und nachdenken kann, ins Zentrum getreten. Gleichzeitig ist durch die Erfahrung der Kriege, des Holocausts, der Atombombenabwürfe und die mangelnde Bereitschaft der „Reichen“ – einzelner oder Nationen – zugunsten der „Armen“ Veränderungen vorzunehmen auch ein grundlegender Zweifel an einer kosmischen Gerechtigkeit entstanden. Die naturwissenschaftliche Weltanschauung, die letztlich nichts anderes ist als eine postmoderne Religion der Möchtegernvernünftigen, hat mit der Vorstellung eines Gottes, eines Jenseits und jeglicher Gerechtigkeit, die außerhalb menschlicher Diskurse verankert wäre, aufgeräumt.

Dadurch rückt der Tod als endgültiges Ende individuellen menschlichen Bewusstseins ins Zentrum. Genauer gesagt, er ist mehr so etwas wie „the elephant in the room“, wie die Amerikaner sagen. Etwas, das mitten im Raum steht, das man aber geflissentlich übersieht, weil es unpassend wäre, weil es die Party stört oder Peinlichkeiten verursachen würde, wenn man darauf Bezug nehmen würde. Und genau weil wir nicht (mehr) darüber reden können, was der Tod bedeutet, genau weil wir Tote eben nicht mehr zu Hause aufbahren, um gebührend Abschied zu nehmen, genau weil wir keine Geschichten mehr darüber erzählen (können), was nach dem Tod ist und ob da etwas ist, genau weil wir auch unsere Angst davor übertönen, vielleicht plötzlich nicht mehr zu sein, genau deshalb holt uns nun diese Angst ein.

Anstatt Angst zu haben vor dem, wovor es sich Angst zu haben lohnt, haben wir stattdessen Angst vor etwas, das „eigentlich“ gar nicht so bedrohlich ist, wie es uns erscheint. Wer die Angst vor dem Eigentlichen verdrängt, der muss die Angst auf das Uneigentliche verlagern, um ein paar Begriffe bei Heidegger auszuleihen.

Was ist das „Eigentliche“? Es ist zum Beispiel die Frage, was der Sinn eines Lebens ist, worin ein geglücktes Leben besteht, welche Werte ich in meinem Leben verwirklichen will und warum und ob ich an die Unbedingtheit von Werten und Moral glaube, auch wenn diese Unbedingtheit mir Unbequemlichkeiten beschert. Das Eigentliche ist die Frage nach der Tiefenbegründung von Leben, meinem persönlichen, aber auch dem Leben schlechthin. Ist alles Leben und damit auch sein Sinn und Ziel zufällig und unserem Belieben anheimgestellt? Oder gibt es tiefere Strukturen, Zusammenhänge und damit auch Richtlinien, so etwas wie unbedingte Werte, moralische Prinzipien, die unser Handeln steuern (sollten), auch wenn sie uns nicht in den Kram passen? Nochmals anders gesagt: Ist individuelles Leben in einen größeren Zusammenhang gebettet? Oder ist es ein mehr oder weniger zufälliges Aufflackern, das bei jedem Windstoß wieder erlischt?

Letztlich steht hinter der Frage nach dem Tod die Frage nach dem Leben und seiner Begründung. Und das Sichfestklammern am Leben ist ein Zeichen dafür, dass wir Angst haben vor dem, was danach oder dahinter ist.

Es gibt Menschen, die haben keine Angst vor dem Tod. Manche verlieren sie einfach so, ohne irgendein Erlebnis [5]. Meistens steht aber eine tiefere Erfahrung dahinter. Pim van Lommel und viele Nahtodforscher haben immer wieder betont, dass eine wichtige Konsequenz einer Nahtoderfahrung – nicht immer, aber häufig – ist, dass Menschen die Angst vor dem Tod verlieren, weil sie eben erfahren, dass es etwas Größeres gibt, als das eigene kleine Leben, genauer gesagt, weil sie erfahren, dass dieses kleine Leben in einen großen Sinnzusammenhang eingebettet ist. Diese Erfahrung machen auch Menschen, die eine tiefe spirituelle Einheitserfahrung machen. Vermutlich sind spirituelle Einheitserfahrung und Nahtoderfahrung, so unterschiedlich der Kontext ist, inhaltlich sehr ähnlich. In beiden geht es um die Erfahrung einer wohlwollenden, liebenden Geborgenheit im Kosmos, die gleichzeitig auch die Verbundenheit mit allen anderen enthält und das moralische Gebot, sich entsprechend in seinem persönlichen Leben zu verhalten.

Die kollektive Todesangst, die Menschen und Regierungen in dieser Coronakrise zu immer skurrileren Verhaltensweisen und Entscheidungen treibt, ist meines Erachtens der Schlüssel. Sätze wie „Jedes Leben ist wertvoll“ sind meiner Ansicht nach einfach nur scheinheilig und verlogen. Denn Politiker, die sie aussprechen oder ausgesprochen haben, nehmen und nahmen ohne mit der Wimper zu zucken Tote in anderen Ländern in Kauf, die aufgrund unnötiger militärischer Aggression oder zweifelhafter wirtschaftlich-struktureller „Notwendigkeiten“ zu beklagen sind. Sie stopfen Milliarden in völlig unsinnige medizinische Präventionsmaßnahmen, die euphemistisch als „Impfungen“ verkauft werden, während sie mit den gleichen Summen, investiert in sauberes Wasser oder Ausbildung in Afrika, um mehrere Zehnerpotenzen mehr Leben retten könnten.

Ein kleines bisschen Nachdenken zeigt uns, dass unsere Angst vor dem vermeintlichen Killervirus SARS-CoV2 eine maskierte, generelle Angst vor dem Tod ist, weil wir nichts haben, womit wir dieser Angst entgegentreten können. Damit wir uns nicht falsch verstehen: SARS-CoV2 fordert durchaus Todesopfer. Und die, die daran sterben, sterben oft sehr qualvoll. Die Opferrate ist je nach Land sehr verschieden und in manchen Ländern sehr hoch. Aber bei uns in Deutschland ist und war sie nie exorbitant. Das RKI hat in einer jüngeren Publikation die Todesrate durch SARS-CoV2 mit der Übersterblichkeit während der letzten großen Grippewellen verglichen [6, S. 148]. Der Unterschied ist wohl vor allem der, dass SARS-CoV2, anders als andere Erreger, relativ neu und weltweit ziemlich gleichzeitig aktiv war und ist, während Infektionswellen aufgrund bekannter Erreger meistens sequenziell und oft regional begrenzt ablaufen und daher weniger geballte Aufmerksamkeit erfahren. Kaum einer interessiert sich bei uns für eine Masernepidemie in Nigeria, die zigtausende von Todesfällen fordert.

Aber SARS-CoV2 hat uns gezwungen, uns mit unserer eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen, damit, dass wir eben genau nicht unsterblich sind. Und auch damit, dass die transhumanistischen Fantasien von der endlosen Verlängerung individuellen Lebens, die Harari als das Projekt des 21. Jahrhunderts beschreibt [7], Wolkenkuckucksheime sind, oder, schlimmer noch, hochproblematische Allmachtsphantasien.

Ein guter Kollege von mir, der englische Wissenschaftsphilosoph Nick Maxwell [8], hat unlängst mal in einem Gespräch sehr treffend gesagt: „Es ist gut, dass ich irgendwann sterbe. 95 % von dem, was ich sage und tue, ist Unsinn und das ist vermutlich bei anderen Leuten genauso. Stell Dir vor, alle würden ewig leben. Dann würde der Unsinn immer weitergehen und wir hätten nie eine Chance Dinge besser zu machen.“ Das bringt die Sache auf den Punkt.

Der Kern eines guten Lebens und des Lebens schlechthin ist, dass es endet, damit Neues seinen Platz einnehmen kann, manchmal rascher, manchmal langsamer. Nicht die Länge eines Lebens bezeichnet seinen Wert, sondern was und wie viel in dieser Zeitspanne gelebt, geliebt und geschaffen wurde. Mozart hat in seinen 35 Lebensjahren gewaltiges geschaffen.

Unser kulturell-medizinischer Versuch, Leben zu verlängern, um jeden Preis, ist der Angst vor dem Ende des Lebens geschuldet, der Angst vor dem Tod. Und wer den Tod nicht mehr konstruktiv denken und leben kann, der ist dazu verurteilt, das Leben zum immerwährenden Tod zu machen. Denn er lebt in der Angst vor dem Tod und diese Angst lähmt das Leben so stark, dass es wie ein Tod auf Raten ist.

Wenn wir wirklich ein Leben wollen, das „zählt“, dann müssen wir dem Tod ins Auge sehen. Wir müssen uns, individuell und gesellschaftlich-kulturell, entscheiden: Ist der Tod das absolute Ende? Und wenn ja, ist dieses Ende eine Katastrophe? Ich finde, selbst für jemanden, der keine spirituell-religiöse Neigung hat, muss das individuelle Ende keine Katastrophe sein, wenn das Leben in Verbundenheit mit anderen sinnvoll gelebt und gestaltet wurde.

Aber vielleicht ist ja eine Rückbindung an tiefere oder höhere Ebenen – Religion hieß das früher – hilfreich? Die Essays, die Bigelow ausgezeichnet hat, befassen sich mit solchen Erfahrungen und Argumenten. Manche haben empirische Ergebnisse zum Gegenstand, die zeigen, dass Reinkarnation durchaus eine ernstzunehmende Sache ist. Mein mittlerweile verstorbener Kollege Erlendur Haraldsson, den ich öfter zu Vorträgen eingeladen hatte, pflegte von seinen Feldforschungen bei den Drusen im Libanon oder in Sri Lanka zu erzählen [9, 10]. In beiden Kulturen ist der Glaube an ein Weiterleben des Bewusstseins nach dem Tod weit verbreitet, und zwar in Form einer Wiederverkörperung. Erlendur hat bei seinen Feldforschungen eine ganze Reihe von Fällen ausfindig gemacht, bei denen eine Person, meistens ein Kind im Alter von 4 bis 7 Jahren, spontan von einem früheren Leben erzählte. Die Forschung versuchte dann unabhängiges Bestätigungsmaterial, Archivmaterial, Zeugenaussagen und Interviewmaterial zu finden, um die Angaben, die die Zielpersonen machten, zu verifizieren oder zu widerlegen. Diese Forschung steht seit Stevenson in einer langen Tradition und hat eine dichte Serie an Fällen produziert [11-13]. Nicht alle sind überzeugend, aber manche schon [9, 14]. Ein neuerer Band fasst die bemerkenswertesten zusammen [9]. Einer hat mich besonders beeindruckt: Ein kleiner Junge, der davon erzählte, dass er die Ehefrau eines anderen Mannes war und dort im Haus, im Keller, Geld versteckt hatte. Nach einigem Hin- und Herforschen wurde die „Ursprungsfamilie“ ausfindig gemacht und der versteckte Geldschatz wurde in der Tat gefunden. Das Interessante an dem Fall war, dass sich der Junge und die ursprüngliche Zielfamilie noch nie gesehen hatten und sie auch relativ weit voneinander entfernt lebten.

Das ist nur ein Fall von vielen. Es wurden und werden natürlich in diesem Feld immer auch Täuschungen bekannt. Aber das sollte nicht dazu verleiten, alle Fälle als unglaubwürdig abzutun. Meine eigene Sicht ist, dass es auf jeden Fall ausreichend viele Fälle gibt, die überzeugend sind. Sie widerlegen die Meinung, Bewusstsein sei auf diese unsere individuelle Form beschränkt und als Resultat von Neuronenaktivität im Gehirn zu verstehen. Dass diese Neuronenaktivität nützlich und nötig ist, um funktionierendes individuelles Bewusstsein zu garantieren, scheint mir irgendwie einleuchtend. Sonst hätte sich die Natur nicht die Mühe gemacht, so etwas Komplexes wie ein Gehirn mitsamt allen Verbindungen entstehen zu lassen. Aber möglicherweise dient dieses mehr der Vermittlung und Filterung, als der Erzeugung von Bewusstsein?

Gleichzeitig zeigen diese Daten auch, dass individueller Geist irgendwie weiter vernetzt ist und tiefer greift als unsere begrenzte Ich-Wahrnehmung es uns glauben macht. In Momenten tiefer innerer Ruhe tauchen wir manchmal ein in ein Meer von Geist – die Zen-Tradition nennt es „Großer Geist“ und vielleicht ist es dasselbe wie der „Hl. Geist“ der christlichen Tradition. Eine Erfahrung, die uns vermittelt: Wir sind Teil eines größeren Ganzen. In dieser Erfahrung ist sehr viel Trost und Sicherheit dafür, dass unser eigenes Ende im Tod nur ein Übergang ist. Wohin, wissen wir nicht. Und das ist vermutlich sehr gut so.

Alle, die behaupten, sie wüssten, was nach dem Tod passiert, erzählen einfach Geschichten. In gleicher Weise, wie die Geschichte vom Ende des individuellen Bewusstseins im Tod, die uns die „wissenschaftliche Weltanschauung“ erzählt, der „Naturalismus“ oder der „Materialismus“ oder wie auch immer wir diese Haltung nennen wollen, eben auch nur eine Geschichte ist. Die Tatsache, dass man das Adjektiv „wissenschaftlich“ vor eine Weltanschauung stellt, heißt nicht, dass sie besser oder schlechter ist als eine andere. Sondern nur, dass manche Leute, manchmal Wissenschaftler, aber öfter solche, die sich dafür halten, meinen, sie würde sich aus wissenschaftlichen Befunden ergeben. Meistens übersehen sie dabei, dass Wissenschaft ein Prozess ist, der immer weiter geht, und dass das, was wir derzeit über die Welt wissen, so inkonsistent und frag-würdig ist, dass Wissenschaftler einige Generationen nach uns wahrscheinlich genauso den Kopf über uns schütteln werden, wie wir über manche unserer Altvorderen aus dem 14. Jahrhundert.

Das Dumme ist, dass diese Geschichte vom Ende des individuellen Lebens im Tod von vielen, die den Diskurs beherrschen – in den Medien, in der Politik, manchmal auch im kulturellen Leben, ja sogar in der Religion – für wahr gehalten wird. Am Ende zählt nämlich nicht, wie die Dinge wirklich sind, sondern wie wir glauben, dass sie sind. Das ist auch eine Chance. Denn dann können wir auch eine andere Geschichte erzählen.

Die Essays, die Bigelow mit Preisen versehen hat, erzählen andere Geschichten. Manche von einem Leben nach dem Tod. Manche von einem neuen Leben in einer neuen Existenz. Manche noch ganz andere. Auf jeden Fall zeigen sie, dass wir uns vielleicht ein paar neue Geschichten ausdenken sollten, oder auf die alten zurückkommen. Vielleicht sind sie sogar besser als unsere neumodische Geschichte vom Ende des Lebens. Und vielleicht hätten diese Geschichten die Kraft, uns die Angst zu nehmen und Hoffnung zu geben.

Quellen und Literatur

  1. van Lommel P, van Wees R, Meyers V, Elfferich I. Near death experience in survivors of cardiac arrest: a prospective study in the Netherlands. Lancet. 2001;358:2039-45.
  2. Alighieri D. Werke, Italienisch-deutsch, hrsg. E. Laaths. Wiesbaden: Emil Vollmer; o.J.
  3. Portela L. The Science of Spirit: Parapsychology, Enlightenment, and Evolution. Jefferson, NC: Toplight; 2021.
  4. Schmidt-Leukel P, editor. Die Idee der Reinkarnation in Ost und West [The Idea of Reincarnation in East and West]. München: Diederichs; 1996.
  5. Scherrer L. Angst vor dem Tod – kann man sie verlieren? Belschner W, Schmidt S, Walach H, editors. Körning: Asanger; 2015.
  6. Rommel A, von der Lippe E, Plaß D, Ziese T, Diercke M, an der Heiden M, et al. The COVID-19 Disease Burden in Germany in 2020. Deutsches Ärzteblatt International. 2021;118(9):145-51. doi: https://doi.org/10.3238/arztebl.m2021.0147.
  7. Harari YN. Homo Deus. A Brief History of Tomorrow. London: Vintage; 2017.
  8. Maxwell N. In Praise of Natural Philosophy. A Revolution for Thought and Life. Montreal: McGill-Queen’s University Press; 2017.
  9. Haraldsson E, Matlock JG. I Saw a Light and Came Here: Children’s Experiences of Reincarnation. Hove, UK: White Crow Books; 2016.
  10. Haraldsson E. Children who speak of past-life experiences: Is there a psychological explanation. Psychology and Psychotherapy: Theory, Research and Practice. 2003;76:55-67.
  11. Stevenson I. Reincarnation and Biology: A Contribution to the Etiology of Birhtmarks and Birth Defects. Wesport, CT: Praeger; 1997.
  12. Stevenson I. Where Reincarnation and Biology Intersect. Wesport, CT: Praeger; 1997.
  13. Stevenson I. Cases of the Reincarnation Type. Vol I – IV. Charlottesville: University Press Virginia; 1975.
  14. Tucker J. Return to Life: Extraordinary Cases of Children who Remember Past Lives. New York: St. Martin’s Press; 2013.