Mystik für Alle – Hugo de Balma in neuem Gewand

Portrait Prof. Harald Walach
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Ich hatte früher schon immer wieder mal auf meinen Lieblingsmystiker aus dem 13. Jahrhundert hingewiesen, den Kartäuser Hugo de Balma. Mit ihm hatte ich mich in meiner zweiten Promotion in Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte beschäftigt, sowie in einer zweiten Monographie [1]. Der Autor ist nur Spezialisten bekannt, obwohl extrem wichtig für die weitere Geschichte der Mystik. Hugo hat Meister Eckhart und die dominikanische Mystik maßgeblich beeinflusst, die niederländische Mystik und die Devotio Moderna, Thomas von Kempen sowie die spanische Mystik und Ignatius von Loyola.

Kurz: alle mystischen Autoren, die nach 1280 schrieben zeigen mehr oder weniger direkt Hugos Einfluss. Dennoch wissen wir praktisch nichts über ihn. Das hat mich damals fasziniert und fasziniert mich noch heute. Das Rätsel, wer der Autor war, konnte ich leider immer noch nicht lösen. Aber ich habe nun in einer neuen Ausgabe, die soeben im Vier Türme Verlag erschienen ist, meine vergriffene Übersetzung wieder zugänglich machen können und habe auf den ersten 100 Seiten eine neue Einleitung geschrieben. Darin habe ich die Spuren zusammengetragen, die ich gefunden habe.

Das Bild, das ich schon immer hatte, hat sich verdichtet. Vermutlich haben wir in dem Text eine vom Autor am Ende seines Lebens selbst zusammengestellte Sammlung vor uns. Der Autor wollte wohl damals in der Hochscholastik, um 1260-1270, den Gang der Theologie und der Wissenschaft dahingehend beeinflussen, dass die mystische Erfahrung der Verbindung der Seele mit Gott zur Grundlage aller Theologie werden sollte.

Das ist ihm, wie wir wissen, nicht gelungen. Diese Erfahrung ist, so schreibt er, allen zugänglich, Gebildeten und Ungebildeten, Klerikern und Laien, Alten und Jungen, Männern und Frauen, so oft man will, hundertmal, ja tausendmal am Tag und in der Nacht. Es muss ihn frustriert haben, dass seine Zeitgenossen so wenig davon wissen wollten. Vielleicht hat er deshalb die Worte der Klage als Anfangsworte gewählt, die aus den Klageliedern des Jeremias stammen und traditionell in der Karwoche gesungen werden: „Die Wege nach Sion trauern…“.

Ich zeige in meiner Einleitung, welche Spuren sich im Text und in der Zeit finden, was der Autor wohl intendierte, gegen welche Meinungen er sich richtete, mit welchen Autoren seiner Zeit er vermutlich im Diskurs stand. Vor allem zeigt sich: die grundlegende Idee, Mystik für alle zu propagieren, ist immer noch hoch aktuell. Vielleicht aktueller als je. Daher habe ich mich sehr gefreut, dass der Vier-Türme Verlag das Buch in seine Sammlung der Quellen christlicher Spiritualität aufgenommen hat. So kann Hugo auch heute einer breiteren Leserschaft zugänglich werden.

Weil der Text sehr sperrig ist, habe ich mich um eine lesbare Übersetzung bemüht und komplizierte Sachverhalte in der Einleitung und einem ausführlichen Kommentar erläutert. Ich hoffe, Hugo findet heute mehr Gehör als seinerzeit.

 

Hinweise
[1] Walach, H. (1994). Notitia experimentalis Dei – Erfahrungserkenntnis Gottes. Studien zu Hugo de Balmas Text „Viae Sion lugent“ und deutsche Übersetzung. Salzburg: Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Salzburg. Analecta Cartusiana 98:1.
Walach, H. (2010). Notitia Experimentalis Dei – Experiential Knowledge of God: Hugh of Balma’s Mystical Epistemology of Inner Experience – A Hermeneutic Reconstruction. Salzburg: Institut für Anglistik. Analecta Cartusiana 98:2.