Die Relevanz von Forschung im Bereich Bewusstsein, Spiritualität und Neurowissenschaft

Portrait Prof. Harald Walach
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Gerade habe ich vom Springer-Verlag den Bericht über unsere Bücher in der von Stefan Schmidt und mir herausgegebenen Reihe „Neuroscience – Consciousness – Spirituality“ erhalten. Seit Erscheinen wurden E-Versionen der Kapitel mehr als 30.000 mal herunter geladen, 160 Leser haben sie 40 mal zitiert. Der zweite Band in der Reihe – „Meditation- Neuroscientific Approaches and Philosophical Implications“ hat den ersten mit mehr als 42.000 Kapitel-Downloads und 202 Lesern sogar überrundet. Und auch die englische Version meines Spiritualitätsbuches, das vor Jahren beim Drachen-Verlag erschienen ist und seit geraumer Zeit in zweiter Auflage vorhanden ist, ist trotz des bei Springer leider sehr stolzen Preises mehrfach zitiert und verzeichnet mehr als 3.000 Kapitel-Downloads, obwohl noch nicht so lange erschienen.

Damit gehören die ersten beiden Bände zu den 50% bzw. 25% am meisten gelesenen Büchern bei Springer. Das freut mich, denn es zeigt: das Thema „Spiritualität und Bewusstsein“ erhält, gerade auch in der Kombination mit neuropsychologischen Betrachtungen, wissenschaftliches Momentum. Es wird wahrgenommen. Es befruchtet Leser und führt dazu, dass der wissenschaftliche Publikationsprozess diese Bereiche mit berücksichtigt.

Das wird auch höchste Zeit, finde ich. Denn Spiritualität, so mein grundlegendes Argument seit Jahrzehnten, ist ein menschliches Grundbedürfnis, so ähnlich wie Sexualität auch. In beiden Bereichen gibt es eine Minderheit von Menschen, die sich nicht dafür interessieren. Bei der Sexualität dürften es nicht so viele sein. Denn die Tücken und Klippen des Zölibats in der katholischen Kirche zeigen, dass das Leben ohne, oder mit sublimierter, Sexualität, selbst bei denen nicht leicht ist, die sich dazu berufen fühlen. Bei der Spiritualität könnten es etwas mehr Menschen sein, die in diesem Bereich „unmusikalisch“ sind. Die Unterdrückung bzw. Missachtung von Spiritualität scheint zunächst keine beruflichen oder persönlichen Konsequenzen zu haben. Im Gegenteil. Wenn man der Intelligentsia zugerechnet werden will, könnte es sogar von Vorteil sein, weil viele immer noch meinen, Wissenschaft und wissenschaftliches Gebahren seien identisch mit einer materialistischen Weltanschauung und einer Haltung, die Spiritualität und das Interesse an ihren Belangen mit einer altmodischen Sicht der Welt assoziieren.

Aber Daten, die wir vor einiger Zeit an einer repräsentativen Stichprobe von Psychotherapeuten in Deutschland erhoben haben zeigen: Nur etwa ein Drittel aller Psychotherapeuten bezeichnet sich als agnostisch oder atheistisch und nicht an Spiritualität interessiert. Zwei Drittel aller Psychotherapeuten geben an, in ihrem Leben mindestens eine bedeutsame spirituelle Erfahrung gemacht zu haben; viele sagen sogar, sie hätte solche Erfahrungen regelmäßig [1]. Diese Daten spiegeln übrigens sehr schön frühere Befunde an einer ähnlich großen Stichprobe von kanadischen, neu-seeländischen und US-amerikanischen Psychotherapeuten wider [2].

Angesichts dieser Daten so zu tun, als sei alles, was mit diesen Lebensbereichen zusammenhängt, vom intellektuellen Teufel, wie das derzeit im Feuilleton, in manchen Blogs und in der „öffentlichen Meinung“ Mode ist, ist aus meiner Sicht, gelinde gesagt, intellektuell unredlich, sachlich falsch und sollte Anlass für die ansonsten so gerne für andere reklamierte Skepsis sein, in diesem Falle gegenüber sich selbst. Man kann natürlich auch den Topos von der „Minderheit der Aufgeklärten, die vom gemeinen Volk noch nicht verstanden wird“ bemühen und sich darin sonnen und gut fühlen.

Die Rezeption des Themas in der Wissenschaft jedenfalls zeigt: es wird zunehmend wahrgenommen. Und wer auf diesem Gebiet etwas zu sagen hat, kann uns gerne einen Buchvorschlag zusenden; wir freuen uns über wissenschaftlich solide Ideen in gutem Englisch.

Quellen
[1] Hofmann, L., & Walach, H. (2011). Spirituality and religiosity in psychotherapy – A representative survey among German psychotherapists. Psychotherapy Research, 21, 179-192.
[2] Smith, D. P., & Orlinsky, D. E. (2004). Religious and spiritual experience among psychotherapists. Psychotherapy: Theory, Research, Practice, Training 41, 144-151.