„Rocket Science“, Nachhaltigkeit und die Dialektik des Fortschritts

Portrait Prof. Harald Walach
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Ich bin tief beeindruckt von der Raumfahrtforschung. Ein Besuch im Expo-Center der European Space Agency (ESA) in Holland hat mir gezeigt, wie viel Energie, Intelligenz, Historie der Erkundung der Naturgesetze, Geld und Teamarbeit in die Raumfahrtforschung fließt. Im ESA Zentrum in Holland arbeiten etwa 3.500 Leute, mit die gescheitesten Köpfe Europas, und es gibt noch einige solcher Zentren in Europa. Sie basteln an Lösungen für die Raumfahrt. Das Dokumentationszentrum zeigt, was schon alles erreicht wurde. Am Eindrucksvollsten fand ich die hochauflösenden Karten und Fotografien der Erde. Der Fortschritt der Naturwissenschaft, auf dem Rücken einer mehr als 500 Jahre langen Geschichte kollektiver Anstrengung der Menschheit, beschert uns diese wirklich grandiosen Errungenschaften.

Der Fortschritt der Naturwissenschaft […] beschert uns diese wirklich grandiosen Errungenschaften.

Mit ihnen kann man z.B. klar und deutlich den Nachweis führen, dass ein Klimawandel dramatischen Ausmaßes im Gange ist. Man kann gut begründen, was passieren muss, wenn wir einige der antizipierten Folgen vermeiden wollen. Die Karte Hollands, die zeigt, wie viel Land bedroht ist, wenn der Meeresspiegel in den nächsten 50 Jahren um einen Meter steigt, ist nur eine davon. Weitere drastische Folgen sind z.B. Verschiebungen von Klimazonen in Afrika und die Flüchtlingsströme, die deswegen – z.B. aufgrund des Kampfes um lebensnotwendige Ressourcen wie Wasser – zu erwarten sind.

Das gibt mir zu denken: ist nicht das Weltmodell der Naturwissenschaft, das das Analysieren, also das Zergliedern von Ganzheiten und das isolierte Betrachten, in den Vordergrund stellt, bis zu einem gewissen Grade nicht auch eine der Ursachen für diese Gefährdungen, die wir jetzt, mit genau der gleichen Mentalität des Fortschritts, dokumentieren können? Hat nicht nicht der Fortschritt der Wissenschaft gleichermaßen positive Folgen, z.B. die höhere Mobilität und die vielen anderen Annehmlichkeiten des modernen Lebens, wie auch negative Folgen, die wir jetzt zu spüren bekommen?

Gibt es überhaupt so etwas wie einen Fortschritt der energie- und folgenneutral ist?

Können wir Fortschritt und Nachhaltigkeit verbinden? Wer die Space-Expo besucht sieht, glaube ich: der Fortschritt kann und sollte gar nicht aufgehalten werden. Denn er ist sozusagen inhärent, im Denken und Forschen des Menschen enthalten. Aber können wir ihn nachhaltig gestalten, so dass wir seine potenziellen Gefahren minimieren? Und wenn ja, wie?

Mir scheint, die Raumfahrt zeigt uns diese Dialektik in drastischer Weise. Wir geben riesige Summen aus – das Jahresbudget der ESA ist mit 5 Milliarden Euro schon ziemlich gross, der Haushalt der NASA liegt sogar bei etwa 20 Milliarden Euro – u.a. dafür, die Bedrohungen, die durch eben diesen Fortschritt entstanden sind, zu dokumentieren.

Ein tieferes Verständnis für die Ganzheit – ja, auch dies ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung!

Was muss geschehen, damit der Fortschritt so kanalisiert wird, dass er zum Wohle aller gereicht? Ein tieferes Verständnis für die Ganzheit, für die ökologischen Zusammenhänge innerhalb derer wir uns bewegen – ja, auch dies ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung! – ist dringend nötig. Eine Rücksicht der Welt-Gesellschaft, einzelner Staaten – ja jedes Einzelnen – für das Ganze ist die Bedingung nachhaltigen Wachstums und Wirtschaftens. Das aber heißt auch: Anpassung der Wünsche Einzelner an die Erfordernisse des Ganzen.

Die spirituellen Traditionen haben das irgendwie schon immer gesehen. Im Buddhismus ist die Habgier, also das isolierte Habenwollen des Einzelnen, eines der fünf großen Geistesgifte. In der christlichen Tradition zählen Egoismus und Habgier zu den sog. Todsünden. Es sind Fehltritte, die auch dem Einzelnen selbst, der sie begeht, zum Schaden gereichen. Die Abkopplung individueller Bedürfnisse von Belangen des Ganzen könnte als Definition des „Bösen“ herreichen.

Wissenschaftliche Erkenntnis alleine scheint jedenfalls nicht zu reichen, um ein generelles Umdenken einzuleiten.

Mittlerweile kann man das also wissenschaftlich dokumentieren. Das ist schön. Reicht aber offenbar auch noch nicht aus, um das Verhalten nicht nur einiger weniger Menschen zu ändern. Weiterhin wird zu viel Kohlendioxid und Methan in die Atmosphäre geblasen, weil die Menschen zu viel Energie verbrauchen, zu viele Nutztiere halten – und überhaupt zu wenig auf Nachhaltigkeit bedacht sind. Was muss also noch geschehen? Wissenschaftliche Erkenntnis alleine scheint jedenfalls nicht zu reichen, um ein generelles Umdenken einzuleiten. Brauchen wir als Menschen vielleicht erst so etwas wie eine innere Erfahrung der Verbundenheit, um die Zusammenhänge wirklich zu erfassen?

Neil Armstrong, der erste Astronaut auf dem Mond, hat bei seinem Blick auf die Erde eine tiefe Einsicht gehabt und sagte, die Erde sei ihm vorgekommen wie ein fragiler, lebendiger Organismus, den es zu schützen gelte. Doch man muss nicht in eine Raumkapsel steigen, um diese Erfahrung zu machen. Ein bisschen spirituelle Praxis, Gärtnern, Kompostieren oder ähnliche Tätigkeiten, die einen mit dem Ganzen der Welt in Verbindung bringen, tun’s auch. Vielleicht muß in der Tat Spiritualität als Ergänzung zur Wissenschaft hinzutreten, wie ich das immer wieder mal ausgeführt habe, damit der Fortschritt mit den Bedürfnissen des Ganzen verbunden bleibt und kein Eigenleben führt?

  1. Walach, H. (2011). Spiritualität: Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen. Klein Jasedow: Drachen Verlag.
  2. Walach, H., Kohls, N., Hinterberger, T., Stillfried, N. v., & Schmidt, S. (2009). Spirituality: The legacy of parapsychology. Archive for the Psychology of Religion, 31, 277-308.