Quacksalberei – 1

Portrait Prof. Harald Walach
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Das Wort „Quacksalber“ kommt daher, dass früher viele Wanderärzte mit quecksilberhaltigen Salben versucht haben, Geld zu machen und, z.B. Syphilis und andere Geschlechtskrankheiten oder bakteriell bedingte Hautkrankheiten behandelt haben. Weil Quecksilber ein potentes Antibiotikum ist, hat das auch – zunächst – oft funktioniert. Weil Quecksilber aber auch das giftigste natürlich vorkommende Element ist, das wir kennen, wurde den Leuten nicht dauerhaft geholfen, sondern sie wurden erst richtig krank, und das „Quecksalben“ oder „Quacksalben“ wurde verboten.

Heute wird das Wort vom Quacksalber meistens abschätzig verwendet und fast immer auf Vertreter der komplementär- oder alternativmedizinischen Zunft von jenen angewandt, die meinen, sie stünden allein auf dem wahren Boden der Wissenschaft. Ob sie Recht haben, lassen wir mal dahingestellt sein. Tatsache ist, dass es Quacksalberei, also allenfalls kurzfristig wirksame oder unwirksame Therapiemassnahmen oder solche die langfristig Schaden zufügen überall gibt.

Quacksalberei, also allenfalls kurzfristig wirksame oder unwirksame Therapiemassnahmen oder solche die langfristig Schaden zufügen, gibt es überall.

Manche komplementärmedizinische Therapeuten arbeiten etwa mit Geräten, die die „Energie“ des Patienten aufnehmen und gereinigt oder verbessert wieder „zurückspielen“ und damit die „Krankheitsenergie“ „löschen“, sagen sie dann. Oft funktioniert das, und daraus leiten die Therapeuten ab, ihre Methode sei bestätigt und vor allem: die Theorie, die dahinter steckt. Das sei Quacksalberei, sagen dann die Kritiker. Stimmt vielleicht. Auf jeden Fall ist das in meinen Augen die Anwendung einer Pseudomaschine. Das kann im pragmatischen Falle sinnvoll sein, ist im Normalfall harmlos und nur dann, wenn wirklich wichtige Therapiemassnahmen verschleppt werden, problematisch. Das ist, wenn durch Ärzte und erfahrene Therapeuten angewandt, selten das Problem. Insofern ist der Ruf nach der Befreiung von Quacksalbern mehr Polemik als einer wirklichen Not geschuldet.

Cholesterin ist schädlich, heisst es. Daher wurden über die letzten Jahre einer wachsenden Zahl von an sich gesunden Menschen, vor allem in den USA, Lipidsenker verschrieben, also Arzneimittel, die den Spiegel des Cholesterin im Blut senken sollen, auch wenn diese Menschen gar keine Krankheitssymptome haben, sondern nur ein paar Entzündungsparameter unspezifisch verändert sind. Das würde die Mortalität an Herzinfarkt und Schlaganfall senken, heisst es. Das ist auch in grossen Studien, mit tausenden von Menschen, belegt. Was die wenigsten dazusagen und noch weniger Leute wissen ist: die Senkung der Mortalität beträgt über alle Studien gesehen 1.8-3.5% Risikoreduktion. Andersherum: zwischen 98.2% bis 96.5% der Leute nehmen über Jahre Lipidsenker, ohne dass sie davon irgend einen erkennbaren Nutzen haben, aber möglicherweise Schaden durch Nebenwirkungen.

…dass es sich bei der Cholesterinsenkung um den grössten medizinischen Skandal der jüngsten Zeit handle…

Cholesterin ist nämlich auch ein wichtiges Transportmolekül, wichtig für die Funktionstüchtigkeit neuronaler Prozesse, das im übrigen vom Körper synthetisiert wird, soweit man weiss, relativ unabhängig davon, wie viel Fett man zu sich nimmt. Ein Gesundheitsnewsletter, von einem ehemaligen Leiter der National Institutes of Health herausgegeben spricht deshalb auch davon, dass es sich bei der Cholesterinsenkung um den grössten medizinischen Skandal der jüngsten Zeit handle, weil Millionen von Menschen zu hohen Kosten für die private oder allgemeine Kasse mit Medikamenten behandelt werden, die nicht nur sinnlos, sondern für die allermeisten gefährlich sind.

Und diejenigen, die wirklich eine Senkung ihres Cholesterins brauchen, würden das vermutlich leichter mit Lebensstilumstellung hinbekommen, oder aber man könnte die Anwendung auf wirklich dringliche Fälle beschränken. Das nenne ich Quacksalberei auf höchstem Niveau, verbunden mit Augenauswischerei. Denn schliesslich beruht alles auf wissenschaftlich abgesicherten Studien, oder nicht? Schliesslich sind die Studien signifikant, nicht wahr? Aber was es genau bedeutet, darüber reflektieren die wenigsten. Quacksalbern heisst: auf kurzfristige Effekte schielen, Geld einstecken und die langfristigen Konsequenzen, die Nachhaltigkeit des eigenen Handelns aus dem Blick verlieren. Und das geht quer durch die Disziplinen und findet vor allem dort statt, wo viel Geld im Spiel ist.