Pseudomaschinen – 1

Portrait Prof. Harald Walach
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„Pseudomaschinen“ … sind Gerätschaften oder Zusammenhänge, die den Anschein erwecken, als würden sie kausal funktionieren, dies aber gar nicht tun.

Der Begriff „Pseudomaschinen“ wurde von meinem Kollegen Walter von Lucadou aus Freiburg geprägt. Man versteht ihn, wenn man weiss, was er mit „Maschinen“ meint. Maschinen sind kausal funktionierende Apparate, Autos zum Beispiel. Wir wissen wie sie funktionieren, verstehen ihre Prinzipien und können sie deshalb zuverlässig erzeugen, steuern und reparieren. Das Prinzip kann man auch auf andere Bereiche anwenden. In der Medizin denken die Leute auch, man habe es mit „Maschinen“ zu tun, also mit kausal gesteuerten Zusammenhängen, sowohl im Körper, als auch bei dessen „Reparatur“. Das ist aber, bis auf wenige Ausnahmen, ein Irrtum, finde ich. Genauer gesagt, es mag vielleicht kausale Zusammenhänge geben, nur verstehen wir sie im Einzelfall nicht gut genug, und die Interventionen, die wir verwenden, haben zwar auch einen ursächlichen Hintergrund, aber funktionieren tun sie aus ganz anderen Gründen. Damit kommen wir zu den „Pseudomaschinen“. Das sind Gerätschaften oder Zusammenhänge, die den Anschein erwecken, als würden sie kausal funktionieren, dies aber gar nicht tun.

Ein Beispiel für eine klassische „Maschine“ in der Medizin wäre etwa das Schienen eines gebrochenen Beines oder das operative Entfernen eines Primärtumors. Hier wird eine kausal wirksame und in ihrer kausalen Wirksamkeit unmittelbar einsichtige Handlung vorgenommen, die relativ gut vorhersagbare Erfolge hat und einigermassen replizierbar ist. Wie ist es mit dem Einsetzen von Stents, also mechanischen Hilfen, die den Blutzufluss bei zugefallenen Herzkranzgefässen ermöglichen sollen und derlei Dingen? Sind sie auch klassische „Maschinen“, also kausal direkt wirksam? Oder sind sie doch eher „Pseudomaschinen“?

…er hätte ganz bewusst sein Verhalten ändern müssen, es sich vornehmen, Gewohnheiten verändern, absichtlich und langfristig…

Ein gutes Beispiel für eine klassische „Pseudomaschine“ ist eine Bezinsparvorrichtung am Auto. Man klebt sie mit einem Magneten irgendwo an die Benzinzuleitung oder den Vergaser und das Versprechen ist, dass dadurch der Benzinverbrauch heruntergeht. Tut er auch. Aber nicht, weil die Maschine irgendwas kausal bewirkt, sondern vielleicht weil der Käufer der Pseudomaschine, der Bezinsparvorrichtung, weiss, dass er sie installiert hat und nun unbewusst sein Fahrverhalten so verändert, dass er sparsamer fährt. Er beschleunigt weniger oft, bremst weniger heftig ab, so dass er auch weniger oft beschleunigen muss, fährt angepasster an den Verkehr und schaltet häufiger in entsprechend funktionale Gänge. Damit spart er – o Wunder – Benzin und siehe da: die Maschine „funktioniert“ und hat ihren Zweck erfüllt, nämlich dem Besitzer Benzin gespart. Hätte er das ohne die Bezinsparmaschine auch gekonnt? Wer weiss? Vielleicht. Aber er hätte ganz bewusst sein Verhalten ändern müssen, es sich vornehmen, Gewohnheiten verändern, absichtlich und langfristig. Da war doch die Investition in eine solche Maschine irgendwie einfacher und genauso effektiv, oder?

In der Medizin gibt es auch viele klassische Pseudomaschinen. Dort werden sie „Placeboeffekte“ genannt. Und der Arzt reiner Lehre und naturwissenschaftlicher Ausrichtung verabscheut sie. Denn sie sind ja doch nicht steuerbar, nicht vorhersehbar, funktionieren irgendwie unbewusst und auf ganz anderen Schleichpfaden. Vielleicht ist sogar der Glaube, dass man mit klassischen Maschinen operiert essentiell dafür, dass die Pseudomaschine ihre volle Wirkung entfaltet. Die tollen Beipassoperationen etwa. Maschine oder Pseudomaschine? Wissen wir eigentlich nicht genau, weil es noch niemand so richtig untersucht hat. Finde ich jetzt auch nicht so zentral, solange den Patienten geholfen ist. Aber interessant ist, wie manche den kausalen Charakter dieses Eingriffs verteidigen, mit religiöser Inbrunst fast. Ich vermute, ohne diese Inbrunst wäre der Effekt nicht so stark. Das haben Pseudomaschinen so an sich.

…ohne diese Inbrunst wäre der Effekt nicht so stark. Das haben Pseudomaschinen so an sich.

Die Komplementärmedizin besteht vermutlich zu einem grossen Teil aus Pseudomaschinen. Durch elaborierte Theorien wird der Eindruck vermittelt, dass ein kausaler Mechanismus subtiler Art aktiviert wird, ähnlich wie bei den Bezinsparmaschinen. Tatsächlich „funktionieren“ sie auch. Aber vermutlich anders, als Arzt und Patient denken.

Wäre es nicht auch ohne gegangen, fragen dann manche? Vielleicht, wenn wir mal verstanden haben, wie Patienten all die unbewusst wirkenden Selbstheilkräfte aktivieren, die wir vorderhand vor allem durch die Anwendung subtiler Pseudomaschinen aus ihren Verstecken im Dickicht der Synapsen und hormonellen Netzwerke herauslocken. Und vielleicht ist es ja so, dass Therapie nie reine Selbsttherapie und Selbstheilung sein kann, weil sie nämlich immer Beziehung, Kontakt und Kommunikation benötigt.

vielleicht ist es ja so, dass Therapie nie reine Selbsttherapie und Selbstheilung sein kann, weil sie nämlich immer Beziehung, Kontakt und Kommunikation benötigt.

Die Dialektik der Erkenntnis: möglicherweise führt die Aufdeckung des Mechanismus einer Pseudomaschine dazu, dass sie im konkreten praktischen Falle unwirksam wird. Wer einmal verstanden hat, dass ein Benzinsparapparat am Vergaser nicht funktioniert, muss sich was anderes ausdenken. Wer einmal weiss, dass etwas Placebotherapie ist, kann sie nicht mehr naiv verkaufen. Insofern könnte rechtes Handeln und richtige Erkenntnis hier im Widerspruch stehen. Daher muss der therapeutisch Handelnde oft eine andere Wirklichkeit und „Wahrheit“ vertreten als der wissenschaftlich Forschende. Ich bin im Zweifelsfalle Wissenschaftler und leidenschaftslos gegenüber der Tatsache, dass eine Methode als Pseudomaschine erkannt wird. Und ich verstehe die Praktiker, die ihre therapeutische Potenz verteidigen müssen. Samson, dem Delila die Haare geschnitten hat, verliert seine Kraft. Was ist wichtiger? Schwer zu entscheiden.