Konstruktivismus pur

Portrait Prof. Harald Walach
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Presse und Nachrichten, so eine gängige Meinung, „informieren“ über das, was vorfällt und Tat-Sache ist. Nun haben die Medien schon seit geraumer Zeit über die vermeintliche Unwissenschaftlichkeit der Homöopathie „berichtet“. Wenn man jedoch genauer hinsieht und etwas informierter ist als der Durchschnittsbürger, dann erkennt man: Informationen, die das einfache Schwarz-Weiss-Bild trüben könnten, werden bei solchen „Berichten“ geflissentlich ausgeblendet. Daten, die dem Schreibenden nicht in den Kram passen, werden übersehen. Denn man will ja eine einfache Geschichte erzählen. Ohne allzu viel Komplexität.

Presse und Medien berichten nicht nur über das, was geschieht, sondern sie machen, konstruieren, die Wirklichkeit in einer Weise, wie sie ihnen richtig dünkt.

Eine Journalistin eines Nachrichtenmagazins hatte auf einem Podium, auf dem ich auch war, wörtlich gesagt: „Die Homöopathie gehört in die Medizingeschichte, und ich habe es mir zu meiner Aufgabe gemacht, sie dorthin zu befördern.“ Selbstverständnis einer Journalistin oder einer selbsternannten Geschichte(n)macherin? Man sieht: die Grenzen zwischen dem Erzählen einer Geschichte, dem Machen der Geschichte und damit dem Machen der Wirklichkeit sind fliessend. Presse und Medien berichten nicht nur über das, was geschieht, sondern sie machen, konstruieren, die Wirklichkeit in einer Weise, wie sie ihnen richtig dünkt. Das Fatale dran ist: sie haben selten die Kompetenz, diese Wirklichkeit tatsächlich so zu bewerten, wie es der Komplexität der Sache entsprechen würde. Selten ist sich jemand darüber bewusst, wie viel Macht eigentlich in dieser vermeintlich unschuldigen „Berichterstattung“ steckt.

Selten ist sich jemand darüber bewusst, wie viel Macht eigentlich in dieser vermeintlich unschuldigen „Berichterstattung“ steckt.

War noch zur Zeit Metternichs, Fouchés und der obrigkeitlichen Repression die „freie Presse“ ein Organ der „Befreiung“ vom politischen Zwang, so wird genau diese Freiheit der Presse in unserer Zeit teilweise zur Wiege eines neuen Informationsfaschismus. Faschismus ist immer dann im Anzug, wenn es keine öffentlichen oder halböffentlichen Kontrollorgane mehr gibt. Insofern hatte die freie Presse zu Zeiten des Faschismus die überaus wichtige Funktion des halböffentlichen Kontrollorgans. Sie war zwar nicht demokratisch legitimiert, aber eben öffentlich, weil von jedermann lesbar. Heute, so scheint es mir, ist diese Kontrolle öffentlicher Handlung immer noch wichtig. Das zeigen die politischen Skandale, die von der Presse thematisiert werden.

Aber was man gerne übersieht ist folgendes: Wer kontrolliert eigentlich, dass, was in der Presse berichtet wird, richtig ist? Wer kontrolliert, dass die berühmte Ausgewogenheit eingehalten wird? Das kann allenfalls der recherchierende Journalist selbst. Der Redakteur, der sich den Text durchsieht, kann es nur formal tun. Inhaltlich weiss nur die Journalistin, und nur sie, ob sie wirklich ausgewogen berichtet hat. Und das auch nur im Rahmen der ihr eigenen Selbsterkenntnis, genauer gesagt eben nicht, wenn es an Selbsterkenntnis mangelt. Also gibt es gar kein letztes Kontrollorgan.

Wer kontrolliert eigentlich, dass, was in der Presse berichtet wird, richtig ist?

In der Wissenschaft gilt der „Peer-Review“ als Qualitätssicherungsstandard. Wenn ich Daten publizieren will, Meinungen oder Theorien, dann wird mein Text von mindestens zwei, öfter drei Fachleuten geprüft. Ich habe das neulich erst mit einem Text für eines der renommierten Psychiatrie-Journale als Gutachter getan und habe beim Lesen richtige Rechenfehler gefunden. Wahrscheinlich hat sich eine Hilfskraft mit den falschen Formeln über die Daten gemacht, oder irgendwer hat Tabellen falsch abgeschrieben. Ich habe den Fehler rückgemeldet, der Editor hat die Arbeit an die Autoren zurückgegeben und sie abgelehnt. Das nächste Mal werden diese Autoren genauer prüfen, bevor sie wieder eine Studie einreichen. In der Regel funktioniert dieser Peer-Review-Prozess ganz gut, auch wenn er nach meinem Geschmack manchmal zu konservativ ist.

Wo gibt es ein vergleichbar solides Prüfverfahren bei der Presse? Meines Wissens gibt es das nicht! Ausser in einem sehr weit entfernten Ethik-Kodex, den man zwar bemühen kann, aber eigentlich erst, nachdem der Schaden angerichtet ist. In meinem Falle hat eine grosse Zeitung vor zwei Jahren Falsches berichtet. Dass diese Information falsch war, ist mittlerweile sogar richterlich bestätigt worden. Wir haben das damals unwidersprochen stehen gelassen, ein Fehler, wie ich heute weiss. Dadurch ist eine „Wirklichkeit“ entstanden: Wir, mein Institut, ich, als Oberesoteriker der Republik. Falscher geht es eigentlich gar nicht, finde ich, aber die öffentlich wahrgenommene „Wirklichkeit“ ist derzeit eine andere.

Anonyme Schreiberlinge können irgendwas ins Internet stellen. Wenn es Journalisten gut in den Kram passt, es eine gute Geschichte gibt, beziehen sie sich darauf als Quelle.

Wo kommt sie her? Aus „anonymen Blogs“, wie ein anderer Journalist seine Quelle zitiert hat. Interessant, oder? Anonyme Schreiberlinge können irgendwas ins Internet stellen. Wenn es Journalisten gut in den Kram passt, es eine gute Geschichte gibt, beziehen sie sich darauf als Quelle. In der Weise kann jener kramen und sortieren, bis er als Nachrichtenkrämer der neuen Sorte eine vermeintliche Nachricht hat, in Berufung auf Quellen wie Blogs. Diese Blogs haben noch nicht einmal eine journalistische Ethik als Basis, ihren Wahrheitsgehalt kontrolliert kein Chefredakteur. Teilweise operieren solche Blogs gar aus der Sicht deutscher Rechtsprechung illegal, weil sie nicht, wie das Presserecht vorschreibt, irgend einen Verantwortlichen benennen, an den man sich wenden kann, wenn grob Fahrlässiges und Falsches geschrieben wird.

Wird dann diese „Tatsache“ in der Presse wiederholt, fühlt sich der Blogger geadelt – und zitiert wieder rekursiv die Presse als Bestätigung der eigenen Wirklichkeitssicht. Und schon greift es der nächste Journalist auf, denn jetzt ist ja die Wirklichkeit doppelt abgesichert, da der Blog sich vielleicht soagr auf einen Zeitungsartikel in einem Leitmedium bezieht. Und hoppladihopp gibt es eine neue „Wirklichkeit“. Konstruktivismus pur.

Konstruktivismus pur. Oder eigentlich ist das Esoterik pur, denn hier wird quasi aus dem Nichts Wirklichkeit geschaffen.

Oder eigentlich ist das Esoterik pur, denn hier wird quasi aus dem Nichts Wirklichkeit geschaffen. Das war in einer prä-modernen Welt dem lieben Gott vorbehalten, diese creatio ex nihilo, die Schöpfung aus dem Nichts. In der postmodernen Welt sind die Schöpfer dieser Wirklichkeit aus dem Nichts das Netz und seine Aktivisten und die Engel der Frohbotschaft die Wasserträger der Nachrichten. Welch interessante Dialektik, in der sich die religiösen Denkfiguren einfach vom lieben Gott weg verschieben auf einzelne Journalisten, die in ihrer Position Wirklichkeit schaffen, aus dem Nichts gleichsam. Wenn irgendwer noch an der Bedeutung des Konstruktivismus zweifeln sollte: das Funktionieren und die Logik des modernen Pressewesens ist in unserem konkreten Fall das beste Beispiel für seine Realität.