Man sieht nur, was man kennt und erwartet

Portrait Prof. Harald Walach
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„Keiner in Venedig kann ein Herz schlagen hören“

Warum ist es wichtig, hin und wieder gegen den Strich zu denken und unsere Erwartung von hintenrum aufzuzäumen? Weil wir nur das sehen, was wir erwarten, und wenn wir nie unsere Erwartung ändern, sehen wir auch nie was Neues.

Mein Standardbeispiel für diese Behauptung, das ich in meinem Wissenschaftstheorielehrbuch ausführlich diskutiert und belegt habe, ist die historische Anekdote, wie William Harvey den Herzschlag entdeckte, etwa um 1625. Damals ging ein Aufschrei durch Europa: „Keiner in Venedig kann ein Herz schlagen hören“, sagte Parisano, einer der Hauptvertreter des philosophischen und medizinischen „Mainstreams“ der damaligen Zeit.

Warum denn das, fragt man sich, wo doch das Phänomen des Herzschlags so offensichtlich ist? Ganz einfach: Die damalige gültige Physiologie, von Aristoteles und seinen Nachfolgern ausgearbeitet, sah im Herzen einen Konvektionserwärmer, der das Blut erwärmt, in den Kopf treibt, wo es gekühlt wird, worauf es wieder absinkt. Kreislauf erklärt, kein Bedarf an weiterer Ausrüstung wie Pumpe, Ventile etc.

Erst eine Veränderung der Perspektive brachte auch neue Phänomene in den Blick und damit den Herzschlag als Tatsache in unseren Erfahrungsschatz. Genauer gesagt: die Phänomene waren immer da, aber man übersah sie, weil man keine geeignete Theorie hatte, sie zu verstehen.

…die Phänomene waren immer da, aber man übersah sie, weil man keine geeignete Theorie hatte, sie zu verstehen.

In eben diesem Sinne gibt es vermutlich eine Menge spannender Phänomene, die wir geflissentlich ignorieren, übersehen, zur Seite legen, weil wir, wissenschaftlich gesehen, keine plausible Theorie haben. Alle Randphänomene zum Beispiel gehören dazu, wie Telepathie, Präkognition, Telekinese, Homöopathie und andere, die phänomenologisch gut belegt sind, aber als „unwissenschaftlich“, „esoterisch“, „unvernünftig“, oder sonst wie „un-„ abgetan werden, weil sie im herkömmlichen theoretischen und methodischen Rahmen nicht leicht verstehbar und untersuchbar sind.

Wir haben keine guten wissenschaftlichen Modelle für sie, deswegen haben wir auch keine theoretische Erwartung dafür, dass sie auftreten, und deswegen übersehen wir sie, obwohl sie ähnlich vor unseren Augen liegen, wie seinerzeit der Herzschlag vor Parisanos Ohren war. Er sträubte sich, dieses Phänomen zu hören und spottete: „nur wenn Harvey uns sein Hörrohr leiht“, dann habe er vielleicht eine Chance, den Herzschlag auch zu hören. Aus der historischen Distanz, kommt uns eine solche Haltung eitel und typisch wissenschaftlich-arrogant vor. Klar gibt es einen Herzschlag. Wissen wir doch. Wie konnte man damals nur sagen, das sei Quatsch? Wie blind bzw. taub mussten denn die Leute sein? Und wie verbohrt in ihre komischen Theorien?

Wenn wir dieses Instrument der historischen Distanzierung – im Sinne einer mentalen Dekonstruktionsleistung – einmal auf unser eigenes Weltbild anwenden und uns in eine fernere Zukunft katapultieren, einfach mal übungshalber, in eine Zukunft nämlich, in der es mögliche Theorien gibt, die genau solche Randphänomene nicht nur erwartbar machen, sondern auch als selbstverständlich belegen: dann können wir vielleicht erahnen, wie hahnebüchen und provinziell es ist, Phänomene zu bagatellisieren nur weil sie nicht in unser Weltbild passen.

Anomalien sind … Wegweiser zu einer Erweiterung unseres theoretischen Verständnisses.

Aus genau dem Grund haben gute Wissenschaftstheoretiker und –historiker – angefangen von Thomas S. Kuhn, über Larry Laudan und Nicolas Rescher – immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig genau jene Anomalien sind, die nicht im Rahmen der gängigen Theorien erklärbar und integrierbar sind. Denn sie sind der Wegweiser zu einer Erweiterung unseres theoretischen Verständnisses.

Daher ist Grenzforschung wichtig. Und wer sie, im vermeintlichen Geist einer scheinbaren Aufklärung und Rationalität, als unwissenschaftlich brandmarken will, ist eigentlich reaktionär.